Swiss Irontrail T 81 2014 ( von Klaus von Broke)

Der T 81 Swiss Irontrail am 15/16. August 2014 über 88,1 km und 5010 Höhenmeter
Bericht Klaus von Brocke

Die Fakten: Start in Savognin am Samstag um 10.30 Uhr; Ziel in Davos am Sonntagmorgen nach 21 Stunden und 52 Minuten.

Bild Robert Bösch

Bild Robert Bösch

Die hintere Mitte, das ist regelmäßig so mein Platz, irgendwo zwischendrin in der Läufergilde, also behaupte ich mal, dass ich so den durchschnittlichen Normalläufer bei den Ultras verkörpere. Und deswegen hoffe ich, dass der geneigte Leser das nun folgende nicht als Überheblichkeit meinerseits bewerte, denn ich fand den Lauf eher unspektakulär und technisch wenig anspruchsvoll, kein Vergleich zu dem Südtirol Ultrarace. Das mag an einigen subjektiven Faktoren liegen, die ich näher erläutern möchte. Zunächst einmal sollte man mit den Beschreibungen der Ultraläufe vorsichtiger umgehen. Vielleicht war es mein Fehler, dass ich die in Superlativen sich überbietende Darstellung des Laufes natürlich auch auf meine Strecke projiziert habe, während damit wohl eher die ersten 120 km des T 201 gemeint waren (meinen aller tiefsten Respekt übrigens für die Finisher des T 201!!!). So bin ich mit einer sehr hohen Erwartungshaltung gestartet, die dann leider nicht erfüllt wurde. Dann fand ich es etwas unglücklich, dass wir relativ spät am Vormittag starteten, so dass einige der Highlights in der Nacht gelaufen wurden (wobei das bei den Wetterverhältnissen – Schneeregen und Nebel – eh wurscht gewesen wäre). Ein eher trailarmer Streckenabschnitt, nämlich das sich elendig dahinziehende Teilstück von Tiefencastel nach Lenzer Heide, vereinnahmte den ganzen Nachmittag. Und außerdem habe ich nun mal was gegen lange Ziehwege, breite Forststraßen und Skipisten, soweit das Auge reicht.  Egal und selber Schuld, aber natürlich war es alles in allem  ein sensationeller Lauf und das lag maßgeblich an meinen Mitstreitern, den Helfern in den Verpflegungsstationen und den kleinen Begebenheiten am Rande, für die man wohl erst in solchen hellwachen Extremsituationen Augen, Nase und Ohren hat.

Ein ganz dickes Plus waren die beheizten und toll ausgestatteten Verpflegungsstationen, die einem das Wieder-Aufbrechen-Müssen äußerst beschwerlich machten. Auch die persönliche und herzliche Betreuung, die ich ja schon beim Ultrarace so genossen habe, wurde hier groß geschrieben.

Bild Robert Bösch

Bild Robert Bösch

Die Markierung war super, jedenfalls habe ich mich kein einziges Mal verlaufen und das will bei mir was heißen. Und überhaupt war die Organisation und der ganze Ablauf des Rennens stressfrei, besonnen und souverän, was bei den Umständen (im Vorfeld Dauerregen, Gewitter-Regen- und Schneevorhersage und dem Zugunglück auf einen Zubringerstrecke) nicht selbstverständlich war. Und das OK hatte auch noch für die Daheimgebliebenen ein besonderes Bonbon anzubieten, gleichsam schlug man mit der Verteilung eines Ortungsgerätes zwei Fliegen mit einem Tracker: einerseits und als Hauptgrund der Sicherheitsaspekt, dass man verirrten oder verletzten Läufern sofort zu Hilfe eilen konnte und andererseits der Spaßfaktor, weil die Familie daheim per Internet meine jeweilige Position mitverfolgen konnte. Letzteres brachte mir dann einige SMS ein, die ungefähr so lauteten: „Wer ist denn Sheila, mit der du schon lange zusammen läufst????“ Dazu gleich mehr; und „Carsten ist vor dir, den musst du überholen!!! Oder „Da ist jemand weit links neben dir, ist der abgestürzt???“

Bild Klaus v. Brocke

Bild Klaus v. Brocke

Nun zu Sheila: Menschlich hatte ich das außerordentliche Vergnügen, eine Iranerin (in Schweden aufgewachsen und in Brüssel wohnend) durch die Nacht zu begleiten und dabei habe ich nicht nur meinen Beschützerinstinkt ausleben können, sondern durfte auch meine Qualitäten als Coach und Pfadfinder unter Beweis stellen (Leser meines Südtirol-Berichts erinnern sich vielleicht, dass es mit meinem Orientierungssinn nicht so toll bestellt ist). Jedenfalls meinte die  Mutter dreier Kinder, dass sie bisher weder so eine lange Distanz gelaufen ist, noch eben so etwas in der Nacht gemacht hätte und überhaupt die Dunkelheit im Wald fürchtete und sich dementsprechend mir anschließen wolle. Großartig, ein orientierungsloser Läufer mit Höhenangst zusammen mit einer sich etwas überschätzenden Iranerin mit Angst vor dem dunklen Wald laufen gemeinsam des Nachts bei Regen und Schnee durch die Schweizer Berge!  Aber das Dreamteam sollte es schaffen, wobei auch mal ein freundliches „Shut up and run“ meinerseits fiel. Hoffentlich wird jetzt nicht der deutsche Botschafter in Iran einbestellt.

Unvergessen sollte auch die Begebenheit mit einer Gänsefamilie bei der Durchquerung eines Bauernhofes werden. Eigentlich wollte ich meinen Lauffluss wegen meiner Blasen nicht stoppen, aber der letzte Junggänserich wollte auf Grund des heraneilenden Stockmonsters nicht den Gänsestreifen betreten. Also haute ich eine Vollbremsung ein (von ca. gefühlten 6 km/h) und ließ den Schnatterich hinüber. Ein herrliches Erlebnis, welches mich noch Stunden beschäftigte.

Bild Robert Bösch

Bild Robert Bösch

Und dann waren da noch die netten Almhirten auf der letzten Verpflegungsstation, die mir einen echten Cappuccino stilecht aus einer Porzellantasse anboten. Das war schier unglaublich schön. Es sind halt die kleinen Dinge, die einem über den Strelapass bringen.  Denn vor dem Strelapass hatten sie mich alle gewarnt; so kurz vor dem Ziel nochmal geschätzte 600 Höhenmeter ziemlich steil hoch und das bei Schneesturm im August, das hat schon was.

Ach und dann hätte ich da noch eine olfaktorische Frage, auch auf die Gefahr hin, jetzt nicht nur als arrogant, sondern auch pervers zu gelten. Was riecht man in den Bergen am Abend, was mir so eisenhaltig vorkommt? Ich tippte auf die Exkremente der Murmeltiere, ein anderer meinte, es wäre der durch die Nässe durchdrungene Kuhkot. Egal, ich hab’s gerne gerochen.

Bild Klaus v. Brocke

Bild Klaus v. Brocke

 

Fazit: Ich muss den T 201 versuchen, um feststellen zu können, ob der Irontrail wirklich der schönste Ultratrail der Welt ist, denn bei meinem Lauf bin ich fast nur durch Täler geeilt oder es war dunkel oder es war nebelig oder beides zusammen.

 

2017-03-24T07:30:15+00:00