NUTS Pallas (2016) – ein Lauf durch die helle Nacht…

Somit konnte ich nach 20 h 5 min als insgesamt Fünfte und als erste Frau die Ziellinie überqueren und freute mich so sehr, dass Holger mich dort in Empfang nahm, auch wenn dies zugleich bedeutete, dass er abgebrochen hat. Für ihn war der Lauf bei dem VP in Pallas (ca.78km) zu Ende. Er sagte, dass sein Kopf das erste Mal so leer und motivationslos war, dass ein Weiterlaufen nur noch eine Qual gewesen wäre, er aber den Lauf bis zu dem Punkt voll genossen hatte.

NUTS PALLAS FINNLANDNUTS PALLAS FINNLAND

von Lisa Mehl (Holger Lapp und Manishe Sina)
Ein Lauf über die Fells im Norden von Finnland, in Lappland, zu einer Jahreszeit, wo die nie untergehende Sonne die Mücken tanzen lässt. Eine Strecke, die nur aufgrund ihrer Eckdaten (134 km / 4000 Hm; 55 km / 2000 Hm) von uns total unterschätzt wurde.

Anreise:
Der nächste Flughafen ist Kittilä, von hieraus fährt man mit dem Auto ca. 2 h. Dorthin kommt man von Deutschland aus über Helsinki. Mietwagen sollte man unbedingt vorher buchen, Kittilä hat einen ganz kleinen Flughafen.

Unterkunft:
Entweder direkt im Ziel des 134 km und 55 km, im Lapland Hotel Hetta oder wie wir als Selbstversorger in einer Hütte Hetan Kota (http://www.hetankota.fi)., ca. 3 km vom Ziel entfernt. Mit eigener Sauna und schönen Blick auf den See. Die 26 km Strecke verläuft weiter südlich beim Start des 134-km-Laufs.

Verpflegung:
In Kittilä und in Hetta gibt es einen Supermarkt, der unter der Woche bis 21 Uhr geöffnet hat und in dem man alles bekommt. Die Preise liegen etwa so, als ob man bei uns in der Tankstelle einkauft. Da wir nie essen waren, können wir nichts über Restaurants und Preise sagen.

Organisation des Laufs:
Die Strecke verläuft über einen Fernwanderweg und ist zusätzlich markiert. Ein GPS-Gerät mit Track ist nicht notwendig. Im Nebel kann es schonmal schwieriger werden und als Backup sollte man dann vielleicht den Track auf der Uhr haben.
Der Veranstalter gibt allen 134 k und 55 k Läufern einen GPS-Tracker mit, der kontinuierlich die Position auf einer Karte anzeigt. So können er und auch die Daheimgebliebenen immer die Position der Läufer sehen. Beim Abweichen von der Route würde man angerufen werden. Deshalb Handy nicht lautlos schalten!
Den Transport vom Ziel zum Start muss man bei der Anmeldung mitbuchen. Dann wird man als 134-km-Läufer am Freitag um 15:30 Uhr und als 55-km-Läufer am Samstag um 10 Uhr zum Start gefahren.
Neben der Pflichtausrüstung sollte man UNBEDINGT auf schnell wechselnde Wetterbedingungen eingestellt sein. Beim Start waren es bis in die Nacht hinein 20 – 25 Grad und trocken, danach nass, Hagel und mit dem Wind nur noch gefühlte 5 – 8 Grad. Es ist wirklich keine Stirnlampe notwendig.
An den VPs gibt es Wasser, Iso, Salz-Kräcker, Bananen, Rosinen, Schokolade, Chips. Für die 134-k-Läufer beim VP Pallas (78 km) noch Haferbrei und dieses pfannekuchenartige Brot.
Im Ziel gibt es eine gute vegetarische Suppe und Hühnersuppe, warmen und kalten Blaubeersaft, Brot und Käse.

Mücken:
Das einzige Manko. In diesem Jahr gab es laut der Aussage der Einheimischen mehr Mücken als sonst. Man muss sich gut und überall einsprühen (Autan und Co hilft wenig, besser vor Ort kaufen z. B. OFF). Beim Lauf kann man es kaum verhindern, Die Mücken stechen sogar durch die Kompressionssocken. Man sollte auch über die Kleidung sprühen.
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Bericht:
Am Freitag,15.07.2016, starteten wir Läufer über die 134-km-Distanz um 18.00 Uhr bei bestem Wetter in Ylläs.
Die Strecke mit knapp über 4000 Hm sollten uns durch den Ylläs-Pallas-Nationalpark führen.
Vom Veranstalter Northern Ultra Trail Services wurden zudem eine 55 km und eine 26 km lange Strecke angeboten.
Für mich sollte es der erste Lauf sein, bei dem ich durch eine Nacht lief und somit war es angenehm, eine vollständige Dunkelheit aufgrund der Mitternachtssonne umgehen zu können. Da der Himmel zunächst lediglich mit Wolken behangen war, welche uns ein freundliches Bild Lapplands boten, blieb es auch tatsächlich hell und die Sonne verschwand nur für wenige Minuten.
Der Streckenverlauf war sehr vielfältig. Es gab schmale Trails und Holzstege, Geröllhänge, Schotterpisten, Seen, Sumpf und weichen Waldboden. Finnen erklärten mir, dass man jederzeit Wasser aus den Bächen schöpfen könne, ohne dies aufbereiten zu müssen. Der Wegesrand war oft von Blaubeeren oder Pilzen gesäumt und es gab sogar die beliebten Moltebeeren zu entdecken. Zur Qual wurden jedoch irgendwann die vielen umgekippten Birkenstämme, sie stellten wirklich Hürden dar. Vor dem Nuts Pallas gab es in der Gegend heftige Stürme, denen einige Bäume nicht standhielten. Zitat eines Finnen: “100 k hurdles”.
Auch fies: Wer zu langsam war, wurde gestochen. Nach einem Verpflegungsposten ging es steil bergauf, für mich zu steil, um das Fluchttempo halten zu können und somit verköstigte ich einige Moskitos.
Zwischen 5 und 6 Uhr erreichte ich die Dropbagstation bei km 78. Dort entschied ich, auf einen Schuhwechsel zu verzichten, da ich mit dem Saucony XODUS problemfrei vorankam (Testbericht von Lena und Björn! Den würde ich so unterschreiben!) und andere auch nicht trocken bleiben würden. Somit setzte ich mich hungrig auf eine Bank und verschlang Haferbrei, gefolgt von einem Flapjack und noch ein paar Keksen. Nebenbei beobachtete ich das fleißige Treiben der Finnen, welche nun aufrüsteten. Perfekt organisiert war einiges an Equipment in durchsichtigen DropBOXEN bereitgelegt. Ich ließ mich inspirieren, wechselte das Shirt, legte ein Longsleeve und ein Buff an, überlegte, dass sich Kilometer nicht von allein reduzieren und zog weiter.
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Relativ schnell wurde mir klar, dass die Finnen wussten, was sie erwarten wird. Nach dem Verpflegungsposten war nämlich Schluss mit ”läppisch”. Nicht nur, dass wir uns ab jetzt auf dem Pallastunturi bewegten, einem Höhenzug, der aus insgesamt 7 Fjälls besteht, sondern es fegte auch noch ein eiskalter Ostwind über das ungeschützte Gelände.
Hier sollte auch irgendwo der Einsteig der 55-km-Läufer sein. Aus unserem Team starteten Manishe Sina und Julia Graffenberger. Ich dachte an die bevorstehende Alpenüberquerung… Ich zog mein Telefon, um den Mädels zu schreiben, dass sie sich warm anziehen sollten und entdeckte ein paar SMS von Manishe… Sowas gibt neue Energie!
Ein Finne schloss zu mir auf. Er gab mit den Tipp, besser gleich anzuziehen, was der Rucksack noch hergäbe, denn das Wetter werde sich nicht mehr ändern und die Strecke ebenso nicht. Ich folgte seinem Rat, denn Regen gesellte sich zu Eiswind und Nebel.
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Dort oben wurde es sehr bald einsam. Dass mir der Umstand missfiel, gab mir zu denken, denn normalerweise genieße ich Einsamkeit während eines Laufs und dies war zuvor in den Wäldern kein Problem gewesen. Es musste am Schwinden der Kräfte liegen.  Mittlerweile war ich komplett durchnässt, durchgefroren und die Müdigkeit nahm rasant zu.
Doch irgendwann erreichte ich den höchsten Punkt des letztes Anstiegs und lief zum letzten Verpflegungsposten. Hier, 11 km vor dem Ziel in Hetta, informierte mich ein Helfer, dass ich die erste Frau sei. Dies motivierte mich dann nochmals auf den “Zielgeraden”.
Somit konnte ich nach 20 h 5 min als insgesamt Fünfte und als erste Frau die Ziellinie überqueren und freute mich so sehr, dass Holger mich dort in Empfang nahm, auch wenn dies zugleich bedeutete, dass er abgebrochen hat. Für ihn war der Lauf bei dem VP in Pallas (ca.78km) zu Ende. Er sagte, dass sein Kopf das erste Mal so leer und motivationslos war, dass ein Weiterlaufen nur noch eine Qual gewesen wäre, er aber den Lauf bis zu dem Punkt voll genossen hatte.

Im Ziel boten die äußerst gastfreundlichen Finnen eine mobile Sauna und warmen Blaubeersaft an.

2017-03-24T07:27:51+00:00