Die 110 km von Istrien – oder Mutti ist der beste Mentalcoach

Ich kann nur die Werbetrommel rühren und wenn man weiß, dass Umag auch noch ein Mekka für Tennisfans ist, alle Hotels sehr kinderfreundlich und die Preise sehr familienfreundlich sind, kann man die ganze Familie ins Auto packen und einen traumhaften Frühlingskurzurlaub mit Finisherzertifikat erleben.

Die 110 km von Istrien – oder Mutti ist der beste Mentalcoach

Von Klaus von Brocke100 Miles of Istria

Nach den etwas nassen und kalten Erfahrungen im Januar in Nordengland beim Spine Challenger, war ich auf der Suche nach einem wärmeren Frühjahrslauf, der nicht allzu weit weg sein sollte. Und so stieß ich auf den 100 Miles of Istria (www.istria100.com), der zu der Ultra Trail World Tour – Reihe gehört und nun schon zum fünften Male vom 7-9. April 2017 stattfinden sollte. Neben den 100 Meilen, einer 68km und einer Marathon-Strecke wurde auch eine 110km Strecke angeboten. Das für mich reizvolle an der 110km Distanz war, dass ich die ganze Halbinsel Istrien von Lovran (in der Nähe von Opatija) bis nach Umag an der kroatisch-slowenischen Grenze von Meer zu Meer zu überqueren hatte. Und für 80€ Startgebühr gab es nicht nur ein Startershirt von Salomon und die Vollverpflegung, eine perfekte Markierung und Organisation sondern auch die zweistündige Busfahrt vom Zielort an den Startort war im Preis inbegriffen. Meine Mutter, die einerseits nichts gegen ein paar Sonnenstrahlen einzuwenden hatte und andererseits auch mal miterleben wollte, was ihr Sohn da so treibt, konnte ich kurzerhand auch noch überzeugen mich zu begleiten, und so fuhren wir am Vortag des Rennens mit dem Auto in das von der Rennorganisation vermittelte (ziemlich preisgünstige 4-Sterne) Hotel nach Umag. Dort erwartete uns eine perfekte Registrierungsprozedur, bestes Sonnenwetter und herrliche kroatische Spezialitätenlokale direkt am Hafen. Der kleine Ort an der Adriaküste war auch bestens für das Ultra-Ereignis vorbereitet, endeten dort doch alle Renndistanzen, also nahezu 1200 Läufer liefen in dem malerischen Städtchen innerhalb 24 Stunden ein.

Für die 110km Distanz bei 4400 Höhenmeter startete der Shuttle um 21 Uhr und bei einer zweistündigen Fahrt sollte ich noch genügend Zeit haben meinen Magen zu beruhigen, wusste  ich doch aus Erfahrung, dass mir derartige hügelige Anfahrtswege immer übel aufstoßen. Aber weit gefehlt, bestens ausgebaute Straßen und erste Sehenswürdigkeiten, die wir auch beim Lauf „besichtigen“ sollten, ließen den Trip sehr angenehm und kurzweilig erscheinen. Und das ebenso beschauliche Örtchen Lovran an der Code d’Azur Istriens empfing uns in bester Freitagnacht-Laune, so dass sich Partypeople mit Ultraläufern in den Bars rund um den Marktplatz nett vermischten. Um 24 Uhr war Start bei recht frischen Temperaturen um die 5 Grad. Das hatte ich reichlich unterschätzt. War es tagsüber weit über zwanzig Grad und schon richtig warm, sind die Nächte, gerade in den Bergen (am Anfang geht es non-stop von Meereshöhe auf 1400 Meter rauf) doch noch ziemlich kühl. Zum Glück gab es bei den nächtlichen Verpflegungsstationen heiße Suppe, Tee und Kaffee und bei wichtigen Wegabschnitten konnte ich mich an Lagerfeuern der Bergrettung erwärmen. Ich war nämlich eindeutig „zu kalt“ angezogen, obwohl ich sogar die empfohlene und nicht nur die vorgeschriebene Mindestausrüstung dabei hatte. Manch ein Mitläufer hatte sich sogar die Rettungsdecke umgeworfen, was in der Nacht durch die Stirnlampen zu discoähnlichen Lichteffekten führte, ganz zu schweigen von den Raschelgeräuschen, wenn sich ein so getarnter Ultra von hinten näherte.  So berichtete ich per SMS an jeder Verpflegungsstation meiner Mutter von meinem Fortkommen und Befinden und erhielt, egal zu welcher Nacht- und Tageszeit, wohlmeinende mütterliche Ratschläge, wie sie nicht besser in jedem Mentalcoach-Buch zu lesen wären. Ich darf mit ihrer Erlaubnis zitieren:

Ich am Start:      „Schlaf gut und bis morgen“100 Miles of Istria

Mutti:                   „Du nicht! Toi Toi Toi.“

Ich um 4 Uhr:    „Mir geht’s super, bin a bisserl zu schnell und kalt ist es.“

Mutti:                   „Morgen wird es sehr warm, dann taust du wieder auf. Weiter so, du bist stark.“

Ich um 7 Uhr:    „Bin 3. Station, ruh mich ein wenig aus.“

Mutti:                   „ Du bist so gut. Ich verfolge dich. Jetzt auch Gegend genießen.“

Ich um 12 Uhr:  „Bin Halbzeit und hab schon lecker gegessen. Ich peile so 22 Uhr an.“

Mutti:                   „Toll, ich bin so stolz auf dich. Ich freue mich schon“.

Ich um 16 Uhr:  „Bin an nächster Station. War ne harte Nuss. Muss Magen beruhigen, aber sonst alles paletti.“

Mutti:                   „Bald hast du es ja geschafft. Halte durch. Morgen ist alles gut und wir genießen nur noch.“100 Miles of Istria

Ich um 18.30:     „Vorletzte Station. Jetzt geht’s kämpfen los. Mir ist nicht sooo gut.“

Mutti:                   „Ach Mensch. Bitte übernimm dich nicht. Aber wie ich dich kenne, du kämpfst.“

Ich:                        „Schaukle das schon nach Hause, aber wird eher 23 Uhr.“

Ich um 20 Uhr:  „Letzte Station. Mir geht es etwas besser. Noch 13 km.“

Mutti:                   „Bin schon im Ziel und erwarte dich.“

Diese letzte Ansage bewirkte, dass ich so schnell wie möglich im Ziel sein musste, war es doch mir (und bestimmt meiner Mutter) schon wieder ziemlich kalt geworden. Und so lief ich nicht um 23 Uhr sondern schon um 21.58 Uhr meiner Mutter in die Arme und war so ziemlich erschöpft aber überaus glücklich, dass ich nicht mal mehr die Zielverpflegung in Anspruch nehmen konnte. Dafür habe ich dann um 6 Uhr Früh das beste alkoholfreie Bier meines Lebens getrunken und wunderbaren kroatischen Schinken vertilgt, ehe um 7.30 Uhr das reichhalte Frühstücksbuffet öffnete. Und am selbigen Genusstag wurde von Mentalcoach und Läufer noch eine kroatische Spezialitätenplatte für zwei Personen regelrecht vernichtet, was uns die Bewunderung des Chefkochs eingebracht hatte, der uns mit extra viel Cevapcici verwöhnte.

Die Strecke an sich ist wunderschön und führt durch viele kroatische Sehenswürdigkeiten, verschlafene Dörfer und landschaftliche Highlights. Die Wege, Trails und Pfade sind allesamt laufbar (wenn man die Kondition dafür hat), wenig technisch aber herrlich abwechslungsreich und herausfordernd. Mit meinen knapp 22 Stunden (bei einem Zeitlimit von 33 Stunden) war ich mal wieder bester weil einziger Deutscher, und das wundert mich etwas. Nicht weil ich so schnell war (dank meines Mentalcoachs) sondern, dass so wenig Deutsche überhaupt an diesem tollen Frühjahrsläufen teilgenommen hatten. Ich kann nur die Werbetrommel rühren und wenn man weiß, dass Umag auch noch ein Mekka für Tennisfans ist, alle Hotels sehr kinderfreundlich und die Preise sehr familienfreundlich sind, kann man die ganze Familie ins Auto packen und einen traumhaften Frühlingskurzurlaub mit Finisherzertifikat erleben.

2017-04-17T11:32:19+02:0017.04.17|0 Comments

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