Und wer etwas Zeit in Bran hat, dem sei ein Besuch in der Auffangstation für misshandelte Bären mit dem schönen Motto „dieser Park gehört den Bären, nicht den Menschen“ empfohlen. Hier kann man die zotteligen und muskelbepackten Gesellen bewundern, denen man in den südkarpatischen Wäldern lieber nicht in freier Wildbahn begegnen möchte.

Transylvania 50k – (m)ein Laufabenteuer
von Julia Graffenberger

Ich fühlte mich dem Ziel schon ganz nah. Draculas Schloss musste jedem Moment irgendwo da unten, gleich hinter der nächsten Kurve auftauchen. Hatte ich doch schon 3.000 Höhenmeter erklommen und die 50-km-Marke passiert. Also warum schickte mich die Streckenmarkierung plötzlich diesen Bachlauf hoch? Laut fluchend kraxelte ich abermals nach oben. Scott Jureks „manchmal muss man es einfach machen“ wurde überlagert von dem großen hämmernden „Warum“. War ich denn von allen guten Geistern verlassen? Wie nur war ich hier her geraten?

Transylvania 50kEin halbes Jahr zuvor packte mich die Faszination des Transylvania 50|100k – ein Traillauf quer durch die Südkarpaten mit Start und Ziel vor dem Schloss von Bram Stokers Dracula. Und als Sommerkind Trail Running Tours in Kooperation mit Trampelpfadlauf.de die Reise zum Rennen in ihr Programm genommen hat, folgte meine Entscheidung prompt. Ich will mit. Die Distanz von 50 km kann ich laufen und über die Höhenmeter wollte ich lieber nicht nachdenken. Gesagt. Gebucht. Flug dazu. Fertig.

Erst kurz vor Abreise, beim Zusammenstellen der Pflichtausrüstung, kam mir der Gedanke, dass der Veranstalter es doch tatsächlich ernst meinen könnte. Gut ausgerüstet und mit Taunushöhenmetern trainiert ging es dann nach Bukarest und von dort nach Bran. Die Reise war bestens organisiert, der Empfang sehr herzlich und die Reisegruppe setzte sich aus tollen Mitlaufverrückten und großartigen Supportern zusammen.

Am Vorabend bei Briefing und Vergabe der Startunterlagen wurde die Pflichtausrüstung akribisch geprüft. Und da war sie. Meine Startnummer. Und mit ihr der “Bammel” vor meiner eigenen Courage. Ein Mutbier später ging es wieder.

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Nach gefühlten 2 Stunden Schlaf klingelte der Wecker. Und mit einem Gong ging es vom Castle Bran auf die Strecke. Zur Einstimmung wurde uns Läufern 2 km sachter Asphalt gegönnt, dann ging es eine Skipiste hoch und in den Wald. Und zwar steil. Schon jetzt kam das Bedauern, die Stöcke nicht mitgenommen zu haben. Nicht enden wollend ging es rauf. Bis zu den ersten kleinen Schneefeldern. Dann. Ein langer Downhill. Mit dem größten Vergnügen flog ich den Trail runter. Nur damit es danach wieder hoch ging. Wirklich steil hoch.

Transylvania 50kGenauso herausfordernd blieb die gesamte Strecke. Auf wunderschönen und technisch anspruchsvollen Trails ging es die Wälder beinahe senkrecht hoch und halsbrecherisch runter, langgezogen unterhalb der Felskante auf ein Joch zu, über ein vernebeltes Plateau, auf dem Po einen Schneehang runter, über Berggrate, mitten durch die Krüppelkiefern und mit viel Gatterkletterei über die Almen (begleitet von den unverständigen Blicken gemächlich kauender Kühe). Nach 30 km spuckte uns die Strecke in einen kleinen Ort, in dem uns unsere superben Supporter fröhlich trötend anfeuerten. Mit kurzem Sonnenbad im Gesicht und Gemüsesuppe im Bauch ging es auf die nächsten 25 km, die nochmals drei ordentliche Peaks im Höhenprofil aufwiesen.

Transylvania 50kUnd hier war ich nun also. Hatte abenteuerliche 50 km gemeistert und folgte schimpfend der Streckenmarkierung den Bachlauf hoch. Das Wasser schwappte kalt über meine Füße, meine Beine brannten und mein Herz klopfte mir bis an die Schädeldecke. Und doch war es der erste Berg, den ich vor meinem Laufbegleiter oben war. Wir hatten uns von Anfang an immer wieder eingeholt – er mich aufwärts und ich ihn abwärts – und waren bald zusammen geblieben. Jetzt aber, nach mehrfachem „lauf, Jule, lauf“ und mit der schon zweimal korrigierten Ziel-Zeit vor Augen, trabte ich von dannen. Nur um kurze Zeit später mitten im Wald unter zugezogenem Himmel und ohrenbetäubenden Donner wie angewurzelt stehen zu bleiben. Und auch wenn ich mir sicher war, dass jeder vernünftige Bär – immerhin gibt es in den Karpaten über 5.000 frei lebende Braunbären – sich bei diesem plötzlichen “Schietwetter” in seine gemütliche Höhle verkriecht, packte ich meine Bärenpfeife a
us und wartete auf meinen Mitläufer. Der kam schon kurze Zeit später laut singend um die Ecke gebogen und wir liefen gemeinsam weiter. Abermals begleitet vom jubelnden Getöse unserer Supporter mit Karacho und Freudentränen ins Ziel. Da waren sie wieder – die guten Geister! Hallo Endorphine, willkommen in meinem Kopf!

Warum ich mich den Strapazen in wunderschöner wilder Landschaft aussetze, ist nicht zu erklären. Es ist einfach dieses Gefühl…

57 km in 11:59 h. Irre. Aber ok. Und die heiße Dusche war verdient.

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Da die Reisegruppe den Trail so gut gerockt hatte, wurde die Siegerehrung zur Pflichtveranstaltung. Zufrieden mit Transylvania2015_06dem Gedanken nicht Letzte zu sein – hatte ich doch unterwegs zwei junge Damen überholt – überraschte mich die Verkündung des dritten Platzes meiner AK. Während um mich herum schon alles jubelte, arbeitete mein Hirn in Zeitlupe. Ach guck, die heißt auch Julia. Nee warte, das war mein Nachname. Meine Beine hatten es zuerst kapiert und brachten mein benommenes Ich nach vorne. Meine Mundwinkel klebten schon an den Ohren, als ich aufs Baustumpf-Podest kletterte. Meine Arme schossen mit einem Jauchzer nach oben. Und langsam kam die Freude auch in meinem Bewusstsein an. Das Leben ist schön! Der Abend klang mit viel Lachen in Bukarest aus.

Ein kluger Mensch sagte mal: “Die Seele braucht immer ein wenig länger, um von schönen Orten und wunderbaren Erlebnissen zurück zu kehren.” Meine Seele blieb noch lange in Transsilvanien.

Mit besonderen Dank an Anthony Horyna, der die Faszination für diesen Lauf immer noch mehr geschürt hat. An Jens Deman für die gemeinsamen Kilometer. An die professionellen Organisatoren der Reise: Sommerkind Trail Running Tours mit Carmel Hild und Till Schneemann sowie trampelpfadlauf.de mit Ina und Holger Lapp. Und nicht zuletzt ein Danke an den zusammengewürfelten Haufen wundervoller Menschen der Reisegruppe, die konsequent gemeinsame Sache machten und selbst nach dem eigenen 50-km-Rennen geschlossen zum einzig erreichbaren Checkpoint fuhren, um mit Pizza und Bier auf die Helden der 100-km-Strecke zu warten. Teils sogar die halbe Nacht (an dieser Stelle nochmal ein extra Danke an Supporter-Königin Carmel).

Glückwunsch an Marie Meixner, Sabine Wolter und Till Schneemann für ihre großartigen Platzierungen auf dem Siegertreppchen.

Und wer etwas Zeit in Bran hat, dem sei ein Besuch in der Auffangstation für misshandelte Bären mit dem schönen Motto „dieser Park gehört den Bären, nicht den Menschen“ empfohlen. Hier kann man die zotteligen und muskelbepackten Gesellen bewundern, denen man in den südkarpatischen Wäldern lieber nicht in freier Wildbahn begegnen möchte.

Infos zum Lauf:
http://www.transylvania100k.com/

und zur Reise:
http://www.trailrunning-tours.com/

2017-03-24T07:29:17+00:0009.06.2015|

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