Transgrancanaria 2016Transgrancanaria 2016, 4-6. März 2016
von Klaus von Brocke

Are you a Runner or DNFer? Die steinharte Wahrheit des Laufes: 125.6 km bei 8000 Höhenmeter, Zeitlimit 30 Stunden.

Nach meiner gar nicht so erfolglosen Teilnahme am Spine Challenger Anfang Januar 2016 in Nordengland (siehe Bericht…) mit extremen winterlichen Wetterverhältnissen, sollte mein Ausflug auf die kanarische Insel Gran Canaria den Frühling für mich einläuten. Laufen mit T-Shirt und Sonnenbrille, kurzer Hose und dem dauernden Durstgefühl. Au ja, so will ich es haben. Mit einer Unzahl von leichten Sommerlaufshirts im Gepäck und ja, der Houdini Testjacke als Notwärmereserve (auch hierzu siehe meinen Testbericht) flog ich nach Las Palmas ins Rentnerparadies. Leider schleppte ich auch noch eine leicht fiebrige Erkältung mit, aber die wollte ich in den verbleibenden drei Tagen bis zu dem Start am Freitag um 23 Uhr auskuriert haben. Und so geschah es auch. Lediglich mit einem leichten Schnupfen stand ich am Startstrand ganz hinten der 900 Läufer und lief mit fast als Letzter über die Startlinie bei ohrenbetäubenden Getöse.

Der Zufall wollte es so, dass gerade in dem Moment als ich eine Riesenlautsprecherbox passierte, der Sprecher, ach was sage ich, der Einpeitscher wortwörtlich “viel Gluck” schmetterte (das kann man auf Youtube in dem Startvideo auch hören). Völlig betäubt lief ich dann also gemächlich dem Pulk der roten Rücklichter nach und fühlte mich einfach gut. Zu der ersten durchgelaufenen Nacht kann ich dann auch gar nicht viel berichten, außer, dass es empfindlich kühl wurde und die ersten Läufer bei km 31 in Notfalldecken rausgenommen wurden. Aber ich Frostbeule hatte vorgesorgt und Wechselshirts sowie Handschuhe mitgenommen und die wollte ich auch anziehen. Tja, er hatte es gut gemeint, der Helfer bei der ersten VP, als er mir half, meine Trinkblase zu füllen. Aber irgendwie hat er offensichtlich den Riesenverschluss des Ospreybeutels (siehe Bericht…) nicht genau zu gemacht und das ganze Wasser ergoß sich über alle Kleidungsstücke. Das war ziemlich blöd bzw. naß aber ich hatte ja aus meinen Spine Erfahrungen gelernt, also, trotzdem die nassen Sachen anziehen und in Bewegung bleiben. Letzteres ging dann im Verlaufe der nächsten Abschnitte so gut, dass ich bis zu 2 Stunden Zeitpuffer herausholte.

Entgegen einiger Berichte empfand ich die Strecke als nicht so technisch schwierig dafür landschaftlich um so reizvoller und abwechslungsreicher. Mitunter liefen wir durch herrliche Kiefernwälder, stachlige Kakteenfelder und kämpften uns buchstäblich durch dschungelartiges Gestrüpp. Im Nachhinein frage ich mich allen Ernstes, warum ab km 60 wieder die Gedanken eines Aufhörens hoch kamen. Denn ich hatte keine Fußschmerzen, keine Magenkrämpfe, die Sonne schien und ich hatte genug Zeit eingeholt. Zum Glück beachtete ein Bielefelder Mentalcoach mein Jammern überhaupt nicht, sondern bleute mir ein, ich solle gefälligst an alle Trainingskilometer, die ganzen Kosten und den Aufwand denken und das Ding durchziehen. Jetzt weiß ich auch wozu man einen Mentalcoach braucht! Der Mann ist bestimmt sehr erfolgreich und ich durfte seine Dienste sogar kostenlos in Anspruch nehmen.

So ging es dann schnellen Schrittes zu dem Wahrzeichen des TGC schlechthin, dem Roque de Nublo, einer Monument Valley artigen Gesteinsformation auf 1813 Meter Höhe, auf deren Plateau ein Kontrollpunkt eingerichtet war und wir somit eine Schleife drehen mussten. Doch alle meinten, dass sich der beschwerliche Aufstieg absolut lohne und danach die drop bag Station bei km 81 gar nicht mehr weit sei. Am Fuße dieses Felsens, also zu Beginn des knapp 800 Meter hohen Anstiegs, schlurfte ich mit vier anderen Läufern und jeder Menge Touristen meditativ dahin und wurde jäh aus meinen Gedanken gerissen. Völlig unerwartet schrie ein Pärchen irgendetwas in unsere Richtung und ich hab mich schon innerlich über die lauten Spanier aufgeregt, aber als ich auch noch meinen Namen hörte, fand ich die “lauten Spanier” echt dufte. Gut das war jetzt nicht so besonders, denn der Name stand ja groß auf unseren Startnummern. Doch die Spanier waren Deutsche, wie sich herausstellte, und diese ließen nicht locker und brüllten aus Leibes Kräften. Und dann erst stellte ich fest, oh mein Gott, die kenn ich ja und die meinen wirklich dich. Eva und Holger, zwei Freunde aus früheren Skitour und Mountainbike Tagen machten Urlaub und haben sich meine Position im Netz angeschaut und wollten mich überraschen und unterstützen. Das war so geil, das kann ich gar nicht anders ausdrücken. Sie begleiteten mich über eine Stunde lang und bauten mich weiter auf. So hab ich dann den Tafelberg erreicht und war leider erstmal ziemlich ernüchtert, denn da oben gab es nur Nebel und es war empfindlich kalt geworden.

Transgrancanaria 2016Egal, Kontrollpunkt passiert, andere Schweden und Belgier noch animiert und schon ging es wieder runter Richtung Pasta und trockenen Sachen bei der großen VP Garanon. Doch nach einigen Kilometern kamen sie wieder, die “Klaus, hör doch auf- Dämonen”. ” KM 81 ist doch mehr als du erwarten durftest, sei froh, dass die Erkältung nicht schlimmer geworden ist. Willst du wirklich deine Gesundheit aufs Spiel setzen und auch noch die zweite Nacht bei der Kälte durchlaufen? Es wird Schnee geben und du musst noch auf den höchsten Punkt der Strecke. Ausserdem sind 44 km noch zu absolvieren.” So redeten sie auf mich ein und ich hab ihnen erstmal nach. Ich setzte mich also mitten auf den schönen Waldboden, gierte noch nach den letzten Sonnenstrahlen des Tages und ass meine Salt & Vinegar Kartoffelchips (mein Geheimtipp für Ultras). Die Schweden und Belgier überholten mich und plötzlich kam keiner mehr. Ich war also zum ersten Mal in meiner Laufkarriere der letzte Läufer. Mit dieser Gewissheit zog ich wieder los und schleppte mich in dem Bewusstsein aufzuhören, recht flockig in die VP Station. Und da kam ich drei Minuten vor der cut off time an. Und jetzt wird es spannend:

Ich hatte mich gerade mit einem Teller Pasta und meiner drop bag Tüte inmitten von traurigen Gestalten (die allesamt auf den Bus warteten) niedergelassen, als ein Offizieller zu mir kam. Und dieser Herr fragte auf Englisch wortwörtlich:” Are you a runner or are you a DNFer?” Das sass. Jeder im Raum Anwesende hatte diese alles entscheidende, existenzielle Frage mitbekommen. Man hätte dramaturgisch unter diesen Umständen mit diesem Publikum die Frage auch so formulieren können: Are you a Spartan hero, making your parents and country proud of you or are you a whimpy little piece of nothing not worth even sitting here and eating our lovely pasta.

So schnell konnte mein Bewusstsein gar nicht reagieren, als irgendwer in mir sofort laut und deutlich : Runner! heraus schmetterte. Hätte der Offizielle nur eine Nuance anders gefragt, zB. are you giving up, do you want to drop out oder ähnliches, ich hätte wohl ja gesagt, aber so stand auch vor allen anderen Anwesenden meine Ultraehre auf dem Spiel.

Von der Antwort sichtlich verblüfft, gab mir der Offizielle fünf Minuten für die Pasta und das Umziehen, dann musste ich auf der Strecke sein. Auch ich war über mich etwas überrascht und hab in den ersten Sekunden nichts koordiniert gekriegt. Da half mir ein sehr netter spanischer Läufer, riet mir die Hokas anzulassen, öffnete mir meine Tüte und gab mir die essentiellen Dinge heraus. Er wusste genau Bescheid, ein Profi, ohne den ich nicht so schnell aus der VP herausgekommen wäre und das bei simultaner Nahrungsaufnahme. Gracias an den unbekannten Helfer.

Transgrancanaria 2016Etwas hektisch wieder auf den Weg geschickt, fühlte ich mich gleich in bekannten Gefilden. Es war dunkel, es war kalt, es war windig und es begann so leicht zu schneien. War das nicht genau die selbe Szenerie wie bei meinem Spine Challenger Lauf? Also, gleich nochmal umgezogen, lange Hose raus und Handschuhe an. Dabei stellte ich fest, dass ich nach wie vor der letzte der Wertung sein musste, denn hinter mir kamen zwei Herren, die sich offensichtlich an den Markierungen zu schaffen machten. Aber immerhin, ich war noch dabei. Was dann folgte, kann ich nur mit einem zwischenzeitlichen Pastahoch erklären, denn ich überwand relativ zügig den steilen Anstieg zu dem höchsten Punkt der Strecke, dem Pico de las Nieves mit 1938 Metern. Und bewerkstelligte dann die nächsten downhills und VPs ziemlich flott, so dass ich wieder meine Stunde Puffer hatte.

Und dann kam sie, die letzte VP 18 km vor dem Ziel und ich war mir sicher, was auch immer kommen möge, ich würde es schaffen. Dennoch verwandelte ich meinen Körper in einen Cola artigen Rauschzustand, denn irgendwas sagte mir, das wars noch nicht, den Lauf hast du noch nicht im Kasten. Was jetzt nach einem schönen erholsamen Anstieg auf einer breiten Forststrasse folgte, verdient es, einen kleinen Abstecher in die Physiotherapie zu nehmen. Stellt euch vor, ihr hattet einen Bänderriß oder eine Fußgelenksverletzung oder irgendeine andere sinnlose Beeinträchtigung eures unteren Bewegungsapparats. Um wieder ein Gefühl für die Balance zu bekommen, die Bänder, Sehnen und Muskeln zu stärken wird gern das propriozeptive Training verschrieben. Das bedeutet ihr müsst auf wackligen Untergrund balancieren, einem Softpad, einer Schaumstoffmatte, einem Ball oder anderer flexibler Geräte. Und jetzt stellt euch vor, ihr habt 110 km in den Knochen und seid schon 25 Stunden unterwegs und müsst nun 9 km in einem Flussbett überleben, welches übersät ist mit gerade so großen Steinen, dass man nicht gefahrlos einfach so laufen kann. Der Traum eines jeden Physiotherapeuten! Der totale Knöchel-Bänder Konzentrationstest. Irgendwann im Laufe dieses Streckenabschnitts gingen mir die Schimpfwörter aus und ich gab mich willen-und kraftlos dem Steinmeer hin.

Allerdings half mir der Gedanke, dass hier alle durch mussten und ausserdem konnte man schon die Lichter von Maspalomas, dem Zielort, erahnen. So meisterte ich fluchend wie ein Rohrspatz auch diese Herausforderung und befand mich am Talausgang 7km vor dem Ziel. Ich schaltete dann für die fast flache letzte Etappe auf meinen Stumpfsinnsmodus um und trabte dem Expo Gelände entgegen. Für diese Art der Fortbewegung hab ich kürzlich den passenden Begriff des turtle race entdeckt. Egal, ich war da, ich wurde erwartet und ich habe mich feiern lassen, denn ein paar Zaungäste, Helfer, Familienangehörige und Partygänger waren tatsächlich um 4 Uhr noch da. Mit knapp 29 Stunden durfte ich mir die Finisher Weste überstreifen und genoss ein extra hierfür gelabeltes Finisher Bier.

Transgrancanaria 2016Letzteres fand ich eine sehr schöne Idee, so dass es nicht bei einer Flasche blieb. Vielmehr wurde ich dreimal Finisher und das drückt genau das aus, wieviel mir dieser Sieg über mich, die Vernunft, meinen Dämonen und die Strecke bedeutete. Zugegeben litt ich noch eine Woche lang wegen eines fiesen Hustens aber ich trage immer noch voller Stolz mein TGC Läuferbändchen, wenn wohl auch die meisten Unwissenden das Accessoire für eine Disco flat rate halten. Ach ja, ich muss noch zwei persönliche Liebeserklärungen abgeben, eine an meine Hoka Mafate, die nach dem Lauf nun in der Variante mit Slick-Sohlen ihren wohlverdienten Ruhestand im Rentnerparadies Cordial Sandy Beach verbringen und eine an meine Leki Stöcke, deren Robustheit und Standfestigkeit mir oft genug meine Knöchel und Bänder rettete.

Der TGC 125 ist ein schöner aber harter Ultra. Fast die Hälfte der Gestarteten sind nach meiner Berechnung nicht ins Ziel. Bei der Zielverpflegung habe ich dann auch mitbekommen, dass viele Läufer die Ratschläge über das Wetter nicht Ernst genug genommen haben und daher Tribut zollen mussten. Ich für meinen Teil profitierte von meinen bisherigen Erfahrungen und mit diesem Brett im Gepäck gehe ich nun zum zweiten Male den UTMB an.

PS: Zum Thema extreme Turtle race challenge sei noch angemerkt, dass ich nach dem Lauf für ein fünf minütiges Verbindungsstück zwischen Eingang der Bungalow-Anlage und meinem Domizil 21 Minuten gebraucht habe. Andererseits liess ich mich am nächsten Morgen von meinen netten Rentnernachbarn feiern, die sogar ein Autogramm von mir wollten……

2017-03-24T07:28:20+00:0020.03.2016|

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