The North Face Lavaredo ULTRA TRAIL 2015

Eineinhalb Stunden nach Zieleinlauf holte ich mir mein Dropbag im Eisstadion ab und wollte mal sehen, was die Zielverpflegung so zu bieten hatte. Irgendwie muss der nette Mensch hinter den Kochtöpfen gemerkt haben, dass er bei mir weder mit der Suppe noch mit der Pasta landen konnte. Aber er hatte ja noch ein Blech und ohne etwas zu sagen oder zu fragen, häufte er vier Stück italienischen Schweinsbraten auf meinen Plastikteller. Und den habe ich nicht nur gegessen, sondern auch vertragen und genossen.

The North Face Lavaredo ULTRA TRAIL 2015The North Face Lavaredo ULTRA TRAIL 2015
von Klaus

Pre-race report
Noch nie war ich so hin und hergerissen zwischen hysterischer Vorfreude, eiserner mentaler und auch bis vor kurzem sportlicher Vorbereitung und sorgenvoller Gedanken. Es ist Montag, 22.6.2015, Mittagspause in der Arbeit und ich will meine Gedanken schriftlich einsammeln. Hab mir auch noch Tipps von LUT Bezwinger Carsten Reichel geben lassen, die haben auch wirklich geholfen, aber alles ist nichts, wenn ich am Freitag am Start stehe und der Knöchel immer noch weh tut. Wie soll ich denn 119 km mit einem lädierten Knöchel laufen? Im Augenblick konzentriere ich mich auf jeden Schritt, jede Zuckung und jede Biegung, bloß nicht mehr reizen, damit bis Freitag eine Wunderextremspeedheilung erfolgt. Laufen und tippeln werde ich sicherlich nicht mehr bis Freitag, 23 Uhr, eher noch am Freitag selbst etwas wandern, wenn mir das Spazierengehen in Cortina nicht ohnehin schon reichen sollte.

Dienstag, 23.6.2015
Der Knöchel ist wieder einen Tick besser und stabiler geworden, er strömt nicht mehr so; würde sagen, bin bei 85 % Vollbelastbarkeit angekommen. Gestern Abend kam noch die letzte LUT Infoemail. Ich muss schon zur Registrierung die ganze Pflichtausrüstung mitnehmen, macht ja auch Sinn. Mittels

Google Map habe ich meine Gehwege zum Eisstadion (600 Meter) und zum Startbereich gemessen (500 Meter), besser könnte mein Hotel nicht liegen. Das Wetter soll hier wie dort jetzt gleichbleibend schön sein und stetig wärmer werden. Das ist wichtig wegen meinen Kopfschmerzen. Gerade habe ich so einen leichten Anflug und noch kann ich bedenkenlos eine Ibu (auch wegen dem Knöchel) nehmen. Das werde ich auch heute tun, wenn die Schmerzschlieren nicht wegmäandern. Habe mich auch schon mit meiner Stirnlampe und dem Rucksack auseinandergesetzt, um die Halterung zu optimieren und dabei auch gleich die Stockbefestigung ausprobiert. Wichtig ist vor allem, dass ich mir mal Zeit lasse, aber das ist natürlich leichter gesagt als getan. Auf jeden Fall stelle ich mich in dem letzten Drittel auf und versuche mental, mich nicht anstecken zu lassen. Was mir gefällt, ist, dass ich mich im Moment schlank und gefestigt fühle, achte ich doch nach wie vor streng auf die Ernährung und absolviere mein tägliches Gewichtetraining in unserem Gym.

Aber mit den zeitlichen Vorgaben im Nacken darf ich auf keinen Fall am Anfang all zu langsam lostippeln. Gerade die ersten cut-off times are pretty tight. Für die ersten dreiunddreißig Kilometer und 1600 Höhenmeter darf ich im Durchschnitt nicht mehr als 11 min/km benötigen. Andererseits muss ich natürlich auf meinen Knöchel aufpassen und die pace einhalten, denn alles zu Schnelle rächt sich später rauswärts.

Der Lauf: Freitag, 26.6.2015 – oder wie ich die einfachen Dinge des Lebens schätzen lernte!

Prolog:
Ich habe mir mal erzählen lassen, dass in den 80er Jahren die nördlichen Kinder dieser Republik eher nach Spanien, wir südlichen nach Italien mit den Eltern in Urlaub fuhren. Diese Trennung (diesmal nicht nach Ost und West) könnte vielleicht der Grund dafür sein, warum die Italienurlaubsultraläufer mit Italien, die Spanienurlaubsultraläufer eher mit Spanien-Wettkämpfen besser zu Recht kommen. Denn ich bin über meine gesamte Kindheit hinweg während unserer Urlaube an den bekannten Adriastränden mit der berühmten Wassernudelsuppe mit Parmesan groß geworden. Ein entscheidendes Detail, welches nicht unwesentlich meinen Lauf beeinflusst hat.

The North Face Lavaredo ULTRA TRAIL 2015Freitag 26.6.2015, Cortina d’Ampezzo
Ich wollte diesmal alles richtig machen. Mit der Erfahrung schon einiger Ultraläufe, einer bewährten Ausrüstung, einer früheren Anreise zur Akklimatisierung und einer selbst auferlegten Ruhe vor dem Start wollte ich, dass dieser Lauf durch zwei UNESCO-Weltnaturerben zu meinem Lauf wird. Ich hatte im Vorfeld darauf geachtet, Ruhe von der Arbeit zu bekommen, habe mich am letzten Tag sehr vorsichtig  ernährt (Fisch mit Kartoffeln), meinen Wasserhaushalt Tage vorher schon ins „Reine“ gebracht, eine kleine Bänderandehnung auskuriert (bin sogar sicherheitshalber mit einer Bandage gestartet) und habe bis 15 Minuten vor dem Start auf einer Bank neben der Startlinie gesessen. Eine ältere Amerikanerin meinte allen Ernstes, ob ich mich nur aus Solidarität so angezogen hätte wie die 1300 Starter oder ob ich so „damn cool“ wäre und noch ein wenig „chille“. Ich hab mich dann für letzteres entschieden. Sie machte noch ein Foto und dann trottete auch ich in den Pulk und zwar
wirklich ganz hinten hin.

Somit schien ja alles bestens vorbereitet zu sein, der Lauf konnte starten. Und dann kam sie, die erste Strafe (wohl, weil ich bei der sehr strengen Ausrüstungskontrolle zur Frage nach dem Trinkbecher einfach ja geantwortet hatte, obwohl ich gar keinen hatte). Weil mich das schüttelnde Geräusch meines Frühstücks (Expressobohnen in Schokolade gehüllt) genervt hat, hab ich schon während des Starttrabens (also der Überwindung der Distanz nach dem Startsignal zwischen den hinteren Rängen

und der Startlinie) sämtliche Expressobohnen aufgefuttert; das reichte von dem Koffeingehalt für einen Non-stop-Lauf von 60 Stunden. Die Wirkung ließ in positiver Hinsicht nicht lange auf sich warten. Ich rollte das Feld von hinten auf und die ersten 25 km der insgesamt 119 km langen Strecke bei 5850 Höhenmeter waren einfach rauschartig genial. Nachdem ich auch noch so euphorisiert ein Gel zu mir genommen hatte (was ich sonst nie mache!!!!, sondern ich schleppe die Dinger nur für die absolute Notsituation mit mir rum), würgte ich dann auf der längeren zweiten Bergpassage fürchterlich rum. Das wurde mir dann in dem noch ziemlich geschlossenen Feld auch etwas peinlich, so dass ich mich mehrere Male in die Büsche geschlagen habe. Von da an begann eine leidenschaftliche Reflexion des Für und Wider eines Aufgebens. Ich einigte mich mit mir selber, dass ich es immerhin bis zur Rifugio Auronzo schaffen wollte, dem Ort, an dem unsere Dropbags bei KM 48 auf uns warteten. So schleppte ich mich tatsächlich bei aufgehender Sonne in den Rücken der Drei Zinnen hoch und hoffte, dass irgendwie ein Wunder geschehe, weil so wirklich aufgeben wollte ich eigentlich nicht. Wohl, weil ich genug leiden musste und Buße für die Trinkbecherlüge leistete, kam das Wunder in Form der Wassersuppe mit Parmesan (siehe Prolog). Denn das war das Einzige, was ich mir zuerst geistig und dann auch real vorstellen konnte, dass ich es nicht nur essen sondern auch behalten würde. Zwar hörten die Magenkrämpfe nicht auf (und ich sollte sie noch bis ins Ziel mit mir rumtragen), aber ich hatte etwas, an dem ich mich festhalten konnte, von VP zu VP: lecker warme Wassersuppe, mit Liebe gekocht und mit Parmesan vorsichtig bestreichelt, eine wahre Gaumenwonne. Die Hochstimmung währte zwar nur kurz, aber immerhin so lange, dass ich sie inszeniert auf ein Foto bannen konnte.

Was will ich mehr. Der Downhill zur Strada Allemagna, die das deutschsprachige Südtirol mit dem italienisch sprechenden Venetien verbindet, geriet dann wieder zur Freude und Stärkung des Willens, es wieder bis zur nächsten VP zu schaffen. So kämpfte ich mich vorwärts bis die zweite Strafe folgte: genau vor der höchsten Stelle bei km 90 ereilte uns ein veritabler Gewittersturm, mit allem was so dazu gehört. Ich habe es als Materialtest und Härteprüfung für einen Ultralauf im Winter, für den ich mich bereits angemeldet hatte, genommen. Meine Hoffnung war aber trotzdem, dass sie uns dann bei der nächsten VP rausnehmen und das Rennen abbrechen müssen. Das Dumme war nur, dass ich und noch ein paar wenige Unentwegte die Einzigen waren, die dieses Gewitter wohl mitbekommen haben. Klatschnass und etwas unterkühlt kamen wir zur Rifugio Gallina und da gab es eine für mich bizarre Szenerie: in dieser Gegend und besonders bei diesem Rifugio sind noch viele Ruinen des mörderischen Stellungkrieges zwischen Italienern und Österreichern aus dem Ersten Weltkrieg zu sehen. Und als wir zur VP liefen, kam uns eine ganze Gruppe von völlig entkräfteten, in Notdecken gehüllten Läufern entgegen, die gezeichnet als DNF einen Bus bestiegen. Das machte mich in zweierlei Hinsicht nachdenklich, erstens, so ungefähr sahen die armen Geschöpfe vor 100 Jahren auch aus und zweitens, ich will hier weg.

Und normalerweise sind die letzten 20 km eines Ultras von der Wahrnehmung her eher als einfacher, leichter und schöner zu bewerten. Tja, nicht so auf dem LUT, wenn man noch permanent rauf und runter bei Dunkelheit und Schlamm muss. Zum Glück war ich in dieser Hinsicht gut von Carsten instruiert worden, so dass ich das Gejammer meiner noch übrig gebliebenen Mitstreiter nicht teilen musste. Vielmehr habe ich sie dann alle hinter mir gelassen, wohl wissend, dass es ja noch einmal Wassersuppe gab. Und diesmal wollte das kulinarische Feuerwerk gar kein Ende nehmen, Wassersuppe mit einer Brösel Kartoffel und einem viertel Ei. Unfassbar lecker. Die Lichter von Cortina im Visier stürzte ich mich den steilen Schlammberg hinab, schleuderte einer sehr netten Bäuerin, die kurz vor dem Ziel noch Cola und Wiener Zuckerl verteilte ein “Vergelts Gott” hinte her und lief tatsächlich nach knapp 27 Stunden (30 waren erlaubt) ins Ziel.

The North Face Lavaredo ULTRA TRAIL 2015Ich fühlte mich zu diesem Zeitpunkt wie Buddha, ruhend in mir selbst, mit mir und meiner Umgebung im Reinen. Der Lauf ist etwas Besonderes, diese Dolomiten haben etwas Magisches vom Start weg bis zum Zieleinlauf und das überträgt sich nicht nur auf alle Läufer, sondern irgendwie auch auf alle Zuschauer und Helfer an der Strecke (und deren waren sogar in den Nächten sehr viele). Kein Wunder also, dass Läufer aus 59 Nationen am Start waren. Allerdings sind von 1300 gemeldeten nur 746 ins Ziel gekommen. Technisch schwierig ist die Strecke nicht, aber um so landschaftlich schöner und aufregender. Und wer noch an einem Tipp für eine etwas gehobenere Unterkunft ideal für Ultraläufer interessiert ist, der möge sich rühren. Denn vom Bett konnte man mit zwei geschickten Drehungen im Bad sein und verschiedene Stützmöglichkeiten neben Toilette und Badewanne führten den geschundenen Körper auch wieder unfallfrei ins Bett zurück.

Epilog – Sonntag morgen 3.30 Uhr
Eineinhalb Stunden nach Zieleinlauf holte ich mir mein Dropbag im Eisstadion ab und wollte mal sehen, was die Zielverpflegung so zu bieten hatte. Irgendwie muss der nette Mensch hinter den Kochtöpfen gemerkt haben, dass er bei mir weder mit der Suppe noch mit der Pasta landen konnte. Aber er hatte ja noch ein Blech und ohne etwas zu sagen oder zu fragen, häufte er vier Stück italienischen Schweinsbraten auf meinen Plastikteller. Und den habe ich nicht nur gegessen, sondern auch vertragen und genossen.

2017-03-24T07:29:12+00:00