GRAND TRAIL DES TEMPLIERS 2014

Auf den Spuren der Tempelritter – der legendäre Ultralauf durch die südfranzösische Geschichte
Klaus von Brocke, Weissach (Oberbayern)
Infos unter GRAND TRAIL DES TEMPLIERS
73 km / 3.400 Hm

GRAND TRAIL DES TEMPLIERSIch war auf der Suche nach dem heiligen Gral – nein, nicht ganz- eher war ich ganz profan auf der Suche nach einem geeigneten Abschlusslauf der Saison 2014, die für mich nach einer Schulteroperation Ende 2013 so überaus erfolgreich verlief. Nur, die Alpen machen für gewöhnlich Ende September zu, um sich auf den Skizirkus vorzubereiten. Die Tour de Tirol in Söll ist da rühmliche Ausnahme und wurde von mir glatt mit dem schönen Pölventrail heimgesucht. Ganz anders unsere französischen Nachbarn, m. E. das europäische Traildorado schlechthin. Allein schon, dass sich die Franzosen drei verschiedene Trailrunningzeitschriften leisten und bei meinem Ereignis über 10.000 Trailverrückte in den zahllos angebotenen Laufvarianten teilnahmen, spricht für dieses laufbegeisterte Land. Wo war ich gelandet? In den Midi-Pyrénées, genauer gesagt in Millau – der Ort ist nicht nur die Wiege der Tempelritter, sondern war auch Austragungsort des ältesten Ultralaufs im Land des UTMB am 26. Oktober. Zum 20. Mal fand der Grand Raid des Templiers dort statt mit offiziellen 73 km (tatsächlich 75km) und 3400 (tatsächlich 3600 HM). Eigentlich hätte ich gar nicht starten können, denn der Lauf (in Frankreich quasi ein Kultlauf, den offenbar jeder Franzose mal geschafft haben sollte) war schon lange vorher ausgebucht, bevor sich der Schreiberling dieser Zeilen bemüßigt sah, sich anzumelden. Dementsprechend eindeutig verlief die erste Antwort: non! Doch damit gab ich mich nicht zufrieden, denn ich hatte in der französischen Hauptstadt geschäftlich zu tun und die TGV-Verbindung nach Montpellier geht ratzfatz.

Von dort würde ich mir ein Mietauto nehmen und der Rest ergibt sich von selbst. Also habe ich einen kleinen Bittbrief, quasi eine Petition geschrieben, und siehe da, ein paar Tage später flatterte mir eine accepté-email ins Haus. Da war die Freude groß. Erst so nach und nach wurde mir gewahr, auf was ich mich da eigentlich eingelassen habe: 2400 Starter, relativ harte cut-off Zeiten, sehr strenge Regeln (z. B. Stöckeverbot auf den ersten Kilometern) und ein völlig neues Trailumfeld. Weil ich so spät dran war, habe ich natürlich keine Unterbringung mehr in Millau bekommen. Auch in der näheren Umgebung war alles ausgebucht. Also musste ich wohl oder übel weiter ausholen und so kam es, dass ich mir in einem malerischen Dorf mit dem schönen Namen Meyrueis ein kleines familiengeführtes Hotel ausgesucht hatte, mitten in einem benachbarten Nationalpark.

Zwar musste ich eine zusätzliche Stunde Anfahrtsweg einberechnen, ausgerechnet bei einer Startzeit um 5.15 Uhr und der Pflicht, eine Stunde früher da zu sein, aber da sprang mir die Zeitumstellung zu Hilfe, die uns ja bekanntermaßen eine Stunde schenkte.

In der Vorbereitung habe ich so ziemlich alle guten Ratschläge vor einem Ultralauf sausen lassen, die man so kennt: am Vortag nur ausruhen, nicht zu viel essen und wenn, nur gewohnte Speisen, keinen Alkohol und früh ins Bett. Das Wetter und die Umgebung meiner selbst erwählten Dependance waren aber so einladend, dass ich glatt 18 km auf dem Fernwanderweg GR 6 herumlief. Die Abendvesper bestand aus typisch regionalen Produkten (dort stammt der Blauschimmelkäse Roquefort her) und die Flasche Rotwein durfte natürlich auch nicht fehlen.GRAND TRAIL DES TEMPLIERS

Und als guter deutscher Tourist habe ich natürlich auch einen auf  bisschen Kultur gemacht. Und so kam es, dass ich wie nach einem herrlichen Urlaubstag erst um Mitternacht ins Bett ging. Hmm, war da morgen was? Ach ja, ein kleines Rundläufchen durch Ruinen, malerische Dörfer und tiefe Schluchten.

Ich habe mittlerweile ja schon einige Starts für derartige Lang-Läufe erleben dürfen, bombastische, verlegene, überstürzte und aufgebauschte, ruhige und vergessene, aber so etwas hatte ich noch nicht gehabt: einen mystischen Start. Bei klerikaler Musik von „Era“ durften wir durch ein rotflammendes Höllentor laufen, gesäumt von tausenden von Zuschauern (ohne Übertreibung!).

Mein Körper kam mit der Adrenalinausschüttung überhaupt nicht nach. Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, es gaaaaanz laaaangsaaam angehen zu lassen. Die ersten gut 5 km liefen auf Asphalt dann alle viel zu schnell, aber es sollten die einzigen bleiben. Denn was sich mir danach auf den nächsten 13 Stunden offenbarte, war, gelinde gesagt, eine Single-Trail-Orgie. Ich lechzte hin und wieder nach einem Stück Forststraße oder wenigstens mal nach einem breiteren Weg. Aber kaum kamen wir auf eine Forststraße zu, was mal dazu geführt hätte, dass man sich auch mal geistig ein wenig ausruhen konnte, wurde diese nur ganz schnell überquert, um sofort wieder mitten im Gebüsch zu landen.

GRAND TRAIL DES TEMPLIERSDieser Lauf setzt wirklich für mich ab sofort den Maßstab für einen Ultralauf mit Single-Trail Anteil. Die Streckenführung trieb uns durch Kirchenruinen, Höhlen, durch bizarre Felsformationen (bezeichnenderweise im frz. dort  „chaos“ genannt), durch dschungelartige Passagen und durch historische Dörfer, die komplett auf den Beinen zu sein schienen um uns anzufeuern. Und das permanente Eingebundensein in einer größeren Laufgruppe (überholen war auf Grund der Enge der Trails sowie der Fülle an Läufern teilweise nicht möglich) brachte mich auf noch nie dagewesene Konditionshöhen. Kraft dieses Gruppenzwangs lief ich und lief ich und lief ich und merkte erst dann ziemlich spät, dass ich für meine Verhältnisse zu schnell unterwegs war. Aber auch da brachte der Gruppenzwang Vorteile, denn als es kurz vor dem Ziel noch einen mörderischen Kletteranstieg senkrecht zu bewältigen galt, wurde ich gezwungen, wegen des Staus zu warten und konnte so herrlich ausruhen, ohne mir die Blöße geben zu müssen, die anderen vorbei ziehen zu lassen. Allerdings geriet so auch der letzte Downhill (meine  Paradediszipin) zum ziemlichen Geduldsspiel, denn der gewöhnliche Franzose dachte gar nicht daran, so kurz vor dem Ziel noch mal Gas zu geben. So wurde das Tempo des Aufstiegs auch zum Tempo des Abstiegs (obwohl letzterer ein Traumtrail gewesen wäre). Aber egal, vor dem Ziel warteten schon die Massen der Angehörigen, die jeden ausnahmslos die letzten 500 Meter (bergauf) ins Ziel schrien. Ich kam mir vor wie der Führende einer Tour de France Bergetappe. Alle standen Spalier, haben dir auf die Schulter geklopft, teilweise mit Namen angefeuert und die Kinder standen abklatschend am Rand oder sind ein Stückchen mitgelaufen. Dazu braucht man kein Adrenalin mehr, das ist Ekstase in Reinform, ehrlich erkämpft und verdient.

GRAND TRAIL DES TEMPLIERSVon der Markierung, der Organisation und der Verpflegung habe ich noch gar nichts erzählt, aber auch alles das war schlicht und ergreifend perfekt und lecker. Ich habe jedenfalls meine neue Wettkampfnahrung entdeckt: Roquefort auf Baguette und dazu Bouillon. Wer also Ultraläufe nicht nur als Wettkampf sieht, sondern als Möglichkeit, anders Kurzurlaub zu machen, der ist in unserem Nachbarland bestens aufgehoben. Und so fühlte ich mich direkt nach dem Zieleinlauf für eine Sekunde wie ein frisch geschlagener Tempelritter, so wie alle anderen knapp 2000, die es geschafft hatten.

Übrigens wurde ich auch noch bester Deutscher und einer der besten (gewöhnlichen) Ausländer (sieht man von den 10 Eliteläufern aus USA und Europa, die jeweils ein Team bildeten und einen Wettkampf France against the World absolvierten einmal ab).

GRAND TRAIL DES TEMPLIERSFazit: Das war bestimmt nicht mein letzter Lauf in Frankreich. Dank der zweitgrößten Läufermesse (nach Paris) und den drei Trailzeitschriften bin ich mit ganz vielen neuen Ideen für kommende Laufabenteuer ausgestattet. Und für die Franzosen scheint es keine Regenerationszeit zu geben. Die laufen durch und im Winter gibt es halt Snowultras. Doch zuvor zieht es mich am 10. Januar nach Valencia zu dem GR10X. Denn seit dem Transalpine Run weiß ich, dass die Spanier völlig verrückte Trailrunner sind. Bericht folgt.

PS: Anzahl der gestarteten Deutschen: 1; Anzahl der gewöhnlichen Ausländer: vielleicht 7 oder 8.

2017-03-24T07:30:03+00:00