Spine ChallengerDer Spine Challenger, eine Ultra- Herausforderung der etwas anderen Art
von Klaus von Brocke

Vorab ein wenig technisches Vorgeplänkel. Es gibt jedes Jahr im Januar zwei Wettkämpfe entlang des nordenglischen Weitwanderweges Pennine Way, der sich wirbelsäulenartig (auf englisch „Spine“) süd-östlich von Manchester bis kurz nach der schottischen Grenze hinzieht. Für den großen Lauf von Edale nach Kirk Yetholm sind ca. 430 km und 10000 Höhenmeter in 7 Tagen, für die Schnulli-Strecke, dem sog. Spine Challenger von Edale nach Hawes sind ca. 173 km und 5000 Höhenmeter in 60 Stunden zurückzulegen. Für beide Wettkämpfe ist die gleiche Pflichtausrüstung von ca. 7 kg ohne Wasser mitzuführen (Schlafsack, Iso-Matte, Kocher, Bivy-Bag oder Zelt, Nahrung und das übliche). Die durchschnittliche Temperatur beträgt Anfang Januar 0 Grad bei stetigem Dauerwind von 40 km/h und Regen bzw. Schneefall von täglich 6 mm. Die gewöhnliche Tageshelligkeit dauert 8-9 Stunden. Der Pennine Way selbst ist spärlich beschildert und der Lauf ist nicht markiert, ein GPS Gerät (keine Uhr) ist Pflicht und es gibt nach ca. 78 km einen Check Point (CP) mit Drop Bag Möglichkeit sowie einen weiteren CP nach ca.130 km, bei dem man etwas Warmes zu essen bekommt. Nach etlichen Irrungen und Wirrungen habe ich den Spine Challenger nach ca. 105 km (meine Messung und Schätzung) und 27 Stunden verlassen (im englischen wird das „retirement“ genannt, das gefällt mir) und mich in die Obhut eines medical teams begeben (nein, nicht wegen meines geistigen Zustands überhaupt an so einem Lauf teilzunehmen sondern wegen leichter Unterkühlung und angeschwollener Füße). Und nun zu meinem Bericht:

Eigentlich war ich für meine Verhältnisse gut vorbereitet. Die Weihnachtstage habe ich für das carbo- und fatloading ausgiebigst genützt. Die ruhigen Tage über bin ich mental herunter gekommen und habe das Pflichtkartenmaterial sehr ausführlich studiert, über 100 Seiten Rennberichte und Blogs gelesen und sogar meine Ausrüstung getestet. So bin ich dreimal in der Nacht mit vollem Marschgepäck losgezogen und habe im Freien auf Bergen biwakiert, gekocht und versucht zu navigieren. Im Nachhinein betrachtet kamen aber diese Testläufe nicht annähernd an das heran, was einem nordenglischen Winter entspricht. In den bayerischen Alpen war es viel zu trocken, warm, windstill und ich konnte alles um mich herum erkennen. Könnt ihr euch an die weihnachtlichen Meldungen über das flooding in Nordengland im Fernsehen erinnern? Da standen so malerische Orte wie Hebden Bridge und Todmorden! komplett unter Wasser. Beides Orte, durch die sich der Pennine Way durchschlängelt. Im Vorfeld des Laufes hieß es dann auch in den einschlägigen Blogs, dass es wohl der nasseste Spine werden wird. Immerhin war ich mental darauf vorbereitet und ich änderte spontan meine Ausrüstung; so kaufte ich mir die La Sportiva mit Gamaschen, einen weiteren Regenüberzug für den Rucksack, eines besseren Camping-Kocher, eine bessere Bodenmatte und ich steckte mir noch die fetten Skigamaschen, die leichten Steigeisen, die Skitourenhose und noch eine zusätzliche Überlebensdecke ein. Mein Gepäck wog dann 14 kg, tja etwas schwer aber Überleben geht nun mal vor.

Spine ChallengerDie ganze Familie hat sich Gott sei Dank mit Kommentaren zurück gehalten, vielmehr wurde insgeheim gehofft, dass der Lauf eh abgesagt wird und ich wette, daß im alpinen Raum ein derartiger Lauf wirklich extrem verkürzt oder tatsächlich nicht stattgefunden hätte, sprach doch zu allem Überfluss der Wetterbericht auch noch von einem heftigen Wintereinbruch am zweiten Tag nach dem Start.

Aber nichts dergleichen geschah, im Gegenteil, verschiedene Spineteilnehmer tauschten Informationen über die geeignete Ausrüstung aus, z.B ob das Mitführen eines Kajaks sinnvoll wäre, welche Pubs auf Hügel lägen und damit nicht überschwemmt wären und ob anstatt der Merino Unterwäsche nicht doch gleich ein ganzer Neopren oder Froschmann- Anzug empfehlenswert wäre. So flog ich also am Tag vor dem Start nach Manchester und von dort ging es weiter mit dem Regionalzug in das beschauliche Edale, welches schon ganz im Spine-Fever stand. Dies war auch kaum verwunderlich, denn die Bevölkerungsanzahl von 10 wuchs sprungartig auf 200 an. Aufgeregt war ich schon vor dem Abflug und das steigerte sich dann, als ich am Bahnhof Piccadilly in Manchester stand und meine Fahrkarte nach Edale löste. Um mir die Zeit zu vertreiben bin ich gleich in den nächsten Pub gegangen, hab mir ein Lager zur Beruhigung und Chips bestellt und wurde sofort von Paul, einem weiteren Spine Challenger Teilnehmer, der aus der Gegend kam, angesprochen. Erkennungszeichen war wohl neben Lager und Chips am Vormittag ein unförmiger Rucksack und eine Sportreisetasche markiert als Drop Bag. Paul, der schon Erfahrung mit dem Pennine Way und nordenglischen Winterwetter hatte und sogar das Spine-Trainingscamp überlebt hat, beeindruckte mich sehr mit seinen Schilderungen, wonach ich zum ersten Mal ein wenig Zweifel an meinem Tun bekam. Diese spülte ich aber mit einem zweiten Pint hinunter und im Zug trafen wir dann weitere Haudegen: britische Soldaten, belgische Globetrotter und einen irischen Nationallaufhelden, der mich durch seine Entschlossenheit und Selbstgewissheit schwer bewegte (er sollte den großen Spine-Wettbewerb dann auch in 95 Stunden gewinnen). Allesamt waren sie Spine oder Spine Challenger Teilnehmer, mit denen sich sogleich ein unsichtbares Band der Zusammengehörigkeit bildete. Nach dem sehr gewissenhaften Ausrüstungs-Check und der ausführlichen Erklärungen über die Strecke, dem Verhalten in Notsituationen und den Gefahren auf der Strecke war sie wieder da, die Nervosität. Also, mit Paul schnurstracks in den einzigen Pub am Ort und erstmal drei Lager getrunken und Chips gegessen. Den Rest des Abends hat jeder erstmal damit verbracht, seine Ausrüstung richtig zu packen um auf den morgigen Tag vorbereitet zu sein. Start war um 7 Uhr, das hieß 4.30 aufstehen, alles checken, mit Shuttle zum Start fahren, Tracker testen und GPS, Stirnlampe und Uhren einstellen.

Gegen 7.10 Uhr wurden ca. 100 Challenger auf den nassen und nebligen Pennine Way geschickt und die meisten rannten sofort los. Zur Erinnerung, jeder trug mit Wasser ca. 8-10 kg Rucksack sowie die meisten eine Art Brusttasche mit den notwendigen Kleinutensilien wie Kompass, Karte, Riegel, Pfeife, Messer und GPS mit sich herum. Beides sollte sich sogleich für mich als erstes Hemmnis erweisen, denn mein Rucksack war viel zu groß und zu schwer und die Brusttasche war nur oben fixiert aber nicht unten, so dass sie mir mit jedem Laufschritt auf die Brust knallte. Das konnte so nicht Stunde für Stunde weiter gehen. Nachdem ich schon nach wenigen Kilometern völlig allein unterwegs war, kam auch schon das erste Navigationsproblem. Das GPS hatte ich nicht an, ich wollte erst mit der Karte und Kompass laufen, nur hat das seine Tücken, wenn es dunkel und neblig ist und man durch ein Gehöft läuft. In England läuft man größtenteils bei den Wanderwegen auf Privatgrund und der Wanderer wird somit nur geduldet. Eine Beschilderung ist kaum vorhanden und wenn, dann so verwittert, dass man eh nichts darauf lesen kann. Zum Glück gab es doch noch Nachzügler, die mich gleich zurück pfiffen und bedankend hab ich mich ihnen gleich angeschlossen. Ich wollte nicht gleich zu Anfang verloren gehen, zumal es gleich in das erste Hochmoor gehen sollte.

Ich möchte nun mein Rennen in verschiedene Abschnitte zerlegen, gekennzeichnet durch Attribute, die die Abschnitte am besten beschreiben:

Spine ChallengerAbschnitt Regen
Ich schloss mich also einer Gruppe von eher langsameren Läufern an und wir passierten einen einsamen spooky Friedhof, rutschten schräge Abhänge wieder halb hinab (Glitschfaktor 2-3, siehe unten), die durch den vorangegangenen Dauerregen völlig überspült waren und zogen in unser erstes Tal ein. Als es aber den ersten Anstieg gab,  merkte ich, dass ich schneller unterwegs sein musste, da es mir zu kalt wurde. Also verabschiedete ich mich artig und wagte es mit der Karte in der Hand alleine weiter. Vorerst sollte die Strecke selbst bei Nebel einfach zu finden sein, da ich bloß alten Steinplatten bergauf folgen musste. So langsam kam ich in den Lauf hinein, fixierte meine Brusttasche und hatte eine schönen „steady pace“. Mitten im Nebel sprach mich auf einmal ein englischer Mitläufer an und fragte, ob ich vergessen hätte mein Drop Bag abzugeben, oder was würde ich da sonst auf dem Rücken rumschleppen (später erfuhr ich, dass mein Rucksack bei der Rennleitung bereits den Spitznamen „The Beast“ erhalten hatte). OK, herzlich gelacht, und da der Kollege ortskundig war, steckte ich meine Karte weg und wir liefen bzw. verliefen uns gemeinsam. Ja, da war die zweite „lesson learned“: verlasse dich nie auf andere vermeintlich Ortskundige, insbesondere dann nicht , wenn sie 100% „sure“ sind, dass es dort und nicht da lang geht. So wanderten wir durch die völlig durchnässten Wiesen im Nebel und ach ja, es hatte auch noch zu regnen begonnen. So machte ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit einem mächtigen Dreiklang: Nässe von unten, Nässe von innen und Nässe von oben. Immerhin, wir passierten unseren ersten Kontrollpunkt nach ca. 30 km (schon hier haben die ersten aufgegeben) und zogen weiter Richtung Norden.

Abschnitt Regen und Wind
Wir waren mittlerweile zu dritt, ein ex- Soldat, ein Landdoktor und ich und ich machte meine ersten Erfahrungen mit einem ausgesetzten Hochmoor, welches zwar mit Bodenplatten begehbar gemacht wurde, aber durch den heftigen dauernd pfeifenden Wind und dem Glitschfaktor 2 wurde das Laufen etwas beschwerlich. Zumindest musste man nicht auch noch navigieren, da die Richtung durch die Steinplatten vorgegeben war, aber aufpassen musste man allemal. Bei einem zeitweiligen Mitläufer musste ich mit ansehen, wie er bei dem Versuch einer großen Pfütze auszuweichen, einen halben Meter tief im Morast versank. Wir zogen ihn mitsamt seiner Schuhe wieder raus, aber ich weiß nicht, wie lange der arme Tropf noch weiter gemacht hat. Bei einer anderen Gelegenheit, inzwischen liefen und fielen wir kreuz und quer zwischen wild gewordenen Bächen hin und her, durften wir einem weiteren Challenger-Läufer den Trailschuh aus dem Sumpf befreien, während er einbeinig herum hüpfte. Er war einfach stecken geblieben. Dieser arme Kerl hat auch prompt bei dem nächsten Kontrollpunkt die Medics angerufen und ward ausgeschieden.

Spine ChallengerAbschnitt Regen und Wind und Kälte
Der Landdoktor ist nach einigen Stunden von dannen gezogen und der ex- Soldat hat mich ziehen lassen, so war ich wieder alleine aber auch ein wenig erfahrener, was das Navigieren anbetraf. Ich wurde auch gelassener, hab mich an den Ratschlägen orientiert und permanent gegessen und getrunken, an den empfohlenen Stellen meine Flaschen mit frischem Torfwasser aufgefüllt und horchte so in mich hinein. Und das hörte sich nicht gut an. Meine Schultern begannen zu schmerzen, wohl auf Grund des zu schweren Rucksacks, und meine Füße waren wegen der permanenten Nässe aufgeweicht und sehr platt, so dass sie zu groß waren für die gewählte Schuhgröße. So fing ich an etwas schräg zu laufen, um gleichzeitig Schulter und Füsse zu entlasten. Mit verschiedenen Techniken schaffte ich es ein paar Kilometer, ehe ich gedanklich von einer anderen Misere abgelenkt wurde: mir wurde kalt. Klar, bis dahin bin ich recht viel gelaufen, aber mit den beginnenden Schmerzen bin ich in einen Wandertrott verfallen und somit hab ich die nötige Wärme nicht mehr produziert. Zwar gab es vorübergehend Erleichterung, als urplötzlich ein älteres Ehepaar neben mir auftauchte, mich ausfragte und mich mit englischem Fudge dopte. Aber dieser Energieschub hielt nicht lange an und ich wurde auch gleich wieder allein gelassen. Und eine weitere Erschwernis gesellte sich dazu: es wurde dunkeln.

Abschnitt Regen und Wind und Kälte und Dunkelheit
Bei diesem Abschnitt wusste ich, dass ich haarscharf navigieren musste, denn der markierungsfreie Weg führt über nur eine Fußgängerbrücke über die Autobahn Manchester-Leeds. Die Autobahn zu finden war an sich kein Problem, sie hörte und sah man schon frühzeitig, aber die Brücke zu treffen stand auf einem anderen Blatt. Nach ein paar Fehlversuchen hab ich sie schließlich entdeckt und die Überquerung erinnerte mich an einen Indiana Jones Filmausschnitt. Denn die gottlob solide Brücke schwang sich hoch oben über die Autobahn und letztere wurde einfach in den Berg schneisenartig reingesprengt. Nach diesem gedanklichen Kurzabenteuer konnte ich mich wieder ganz meiner Schmerzen hingeben, aber so weit reinsteigern wollte ich mich gar nicht, denn ich hatte ein neues Ziel. Ich wollte unbedingt das „White House Inn“ noch zu Öffnungszeiten (wenn es denn offen haben sollte) erreichen, das heißt vor 23 Uhr. Nach meiner Messung waren es zwar nur ein paar Kilometer, aber unter meinen Umständen und dem unberechenbaren Wetter und Wegverhältnissen war es unmöglich, Zeiten einzuschätzen.

Oasengleich schien in grellem Licht schon von weitem die Werbetafel für das Straßenrestaurant, aber es kam und kam nicht näher. Und das war auch kein Wunder, denn ich befand mich schlichtweg auf dem falschen Pfad.  Also ging ich einfach querfeldein und Schnur-geradeaus auf den Pub zu. Das kostete allerdings erhebliche Energie, weil ich über etliche Zäune und Steinmauern klettern und durch morastige Sumpfwiesen schreiten musste. Schließlich hab ich es erreicht und durfte mich mit, na was wohl, genau mit Chips und Kartoffelsuppe stärken und wärmen (Bier zu trinken war nicht erlaubt). Allerdings blieb ich nicht lange, denn ich wollte vor dem großen Ansturm der meisten Spine Läufer (die waren drei Stunden nach uns gestartet und die ersten haben mich bereits überholt!!!) den Drop Bag Check Point erreichen. Denn auskunftsgemäß herrscht in dem kleinen Haus stets ein regelrechtes Chaos, in dem Schuhe, Regenjacken und Stöcke regelmäßig verloren gehen, was bei diesem Lauf stets das vorzeitige Aus bedeutet.

Spine ChallengerAbschnitt Halsbrecherische downhills und pit stopp
Gegen Mitternacht erreichte ich den Navigationspunkt, an dem ich den Pennine Way verlassen und ca. 3 km der Beschilderung zu dem CP 1 folgen musste. Davor schlitterte ich mit Glitschfaktor 3 auf Weideflächen schlafenden und grasenden Schafen entgegen (wir waren im Wallace & Gromit Land) und kämpfte mich abartig steilen, überspülten Treppen zu reißerischen Bächen hinab und auf der anderen Seite wieder hinauf. Schließlich kam ich zu dem letzten Abstieg vor dem CP 1, einem downhill, vor dem uns der race director beim briefing schon eindringlich gewarnt hatte. Glitschfaktor 4, knietiefer Morast, 60 Grad Gefälle, so was ist einzigartig und gemeingefährlich. Ich kam also völlig entnervt und durchnässt in der Station an und hab erstmal 10 Minuten gebraucht, um meine Schuhe, Gamaschen und Strümpfe auszuziehen. Ich hab dann einfach alles in eine große Plastiktüte gestopft, mich sauber gemacht und komplett neu angezogen (wobei das eher sinnfrei war, musste ich ja wieder die Schlammpiste hoch um auf den eigentlichen Weg zu kommen). Egal, das Gefühl war einfach herrlich, das Essen allerdings dort weniger, aber immerhin warm. Ich hab mich sogar ein wenig hingelegt, sagten doch die Wetteraussichten Schneefall voraus und da wollte ich erstmal vollständig auftauen.

Abschnitt Schneesturm und Dunkelheit
Ich dachte, der schlimmste Augenblick kommt dann, wenn ich wieder strongman-mäßig hochrobben durfte, aber es kam anders. Der schlimmste Moment war der, nach dem mir klar wurde, dass ich mit meinen Füßen und sealskinz in die Hoka Schuhe reinkommen musste. Das Unterfangen war unmöglich, letzte Rettung war lediglich Sohlen raus und Zähne zusammen beißen. So schaffte ich es dann auch. Nächster Schock, Stöcke waren weg. Zuvor sollte ich noch erwähnen, dass die Stimmung nicht allzu rosig war. Irgendwie leidet man ja mit jedem einzelnen Läufer mit, Stichwort Zusammengehörigkeitsgefühl. Und mit anzusehen, wie viele Läufer frustriert aufgeben mussten, weil sie im letzten Abschnitt gestürzt sind, oder sie im Wind ihre Goretexhose verloren hatten oder die Handschuhe so nass waren, dass es gefährlich geworden wäre, weiter zu machen, das tut schon weh und lässt einem seinen eigenen kleinen Miseren vergessen.

Ein glorreicher Belgier (der aus dem Zug) hat meine Stöcke dann wieder gefunden und ich war über glücklich, denn ohne Stöcke ist das ganze ziemlich aussichtslos. Und das ist ein gutes Stichwort.

Kaum war ich wieder oben auf der Strasse, hat sich der Regen-Windmix in einen veritablen Schneesturm verwandelt, der so stark war, dass ich nichts mehr sehen konnte. Ich hörte allerdings Stimmen und denen bin ich gefolgt und so auf eine Gruppe von Läufern gestoßen, die in einem Bushäuschen Unterschlupf fanden und sich umzogen. Das tat ich dann auch, dicke Mütze und Skibrille auf, GPS an und weiter ging es alleine. Und das war erstmal dumm, denn ich habe den Abzweig auf den Pennine Way verpasst, auf dem GPS war er nicht klar erkennbar und mit den Wetterverhältnissen kam ein Blick auf die Karte nicht in Frage. Also bin ich rumgeirrt, bis ich das verdammte kleine Gatter gefunden hatte und auf gut Glück der ungefähren Richtung Nord gefolgt bin. Zumindest wusste ich, dass wir ein Moorgebiet queren mussten, welches nicht mit Bodenplatten befestigt war. Schöne Sch…..Dies war dann der Augenblick, bei dem ich regelrecht zu lachen angefangen habe. Die Szenerie war einfach zu skurril: Es war stockdunkel, ca 5 Uhr am Morgen, ich war wieder patschnass, hatte keine Orientierung, ein Schneesturm wütete um mich herum und ich stand mitten im Hochmoor. Grandios! Mit dem GPS in der Hand watschelte ich also Schritt für Schritt weiter und entdeckte nach ca. einer Stunde ein Licht von rechts kommend. Tja Freunde, wer hat sich nun verlaufen, ihr oder ich. Ätsch, ihr ward es, ich war tatsächlich richtig und in der neuen Gruppe haben wir uns dann mit dem Navigieren abgewechselt und ich konnte meine halb eingefrorenen Hände wieder auftauen (lecker Schmerzen, lenken von der Schulter und den Füßen ab). Langsam wurde es auch heller und der Schneefall lockerte sich. Auch hatte ich mir dann meine Reserve-Fäustlinge angezogen und meine Stimmung verbesserte sich zusehends.

Spine ChallengerAuf dem höchsten Punkt der sogenannten „Wuthering heights“ angekommen (bekannt aus dem gleichnamigen Roman von Emily Bronte) hörte ich aus einer Ruine heraus Stimmen. Ich verließ also  meine Gruppe und folgte mal wieder den Stimmen und fand mich in einer Schutzhütte wieder und traf meinen Doktor und den ex-Soldaten. Eisiges Schweigen erwartete mich, denn beide waren ziemlich unterkühlt und haben sich Suppe gemacht. Ich gesellte mich dazu, konnte mich aber dummerweise nicht aufraffen, selber etwas warm zu machen oder mich sogar umzuziehen, schwerer Fehler wie sich gleich noch rausstellen sollte.

Abschnitt: Retirement
Meine zwei Compagnons brachen auch dann gleich auf, aber ich konnte noch nicht mitziehen. Zu schwer lag noch ein Ereignis auf mir, bei dem ich ziemlich blöd gestürzt bin und einen Stock zerbrach. Das Weiterlaufen mit nur einem Stock ist dann auch nochmal ziemlich mühsam.

Ich ließ die beiden wortlos ziehen und hielt mich noch ein wenig in der vermeintlich schützenden Hütte auf um mich auszuruhen. Im Nachhinein betrachtet war dies mein schwerster Fehler und das muss ich wohl näher erläutern. Im Vorfeld des Laufes gab es von der Rennleitung und in dem einschlägigen Spine-Blog ausführliche Berichte darüber, wie man eine Unterkühlung frühzeitig erkennt, behandelt bzw. besser von vornherein abwendet. Und ein ernst zu nehmender Ratschlag war, immer in Bewegung zu bleiben und wenn man sich ausruhen muss, dann nasse Sachen ausziehen, Süßes essen und rein in den Schlafsack. Und was mach ich? Nun, erstes Kennzeichen, dass ich bereits wohl leicht unterkühlt war, ist,  dass man nicht mehr klar denken kann. Und in diesem Stadium war ich bereits, denn ich kam nicht auf die Idee irgendetwas zu tun, außer dumm rumzusitzen und Mauerruinen anzuschauen. OK, immerhin hab ich einen völlig erfrorenen Riegel aufgegessen und mir zu allem Überfluß dabei den Gaumen aufgerissen. Nach einer Weile bin ich dann doch losgezogen und arbeitete mich den Spuren entlang Richtung Tal. Da sollte laut Karte eine Straße sein und Straße bedeutet im Spine-Wettbewerb eine sorgfältige Abwägung dahingehend durchzuführen, ob man den nächsten Abschnitt bis zur nächsten Straße gefahrlos meistern kann, denn vernünftigerweise kann eine schnelle Rettung durch das safety team nur in der Nähe einer befahrbaren Straße erfolgen.

Nach einigen Stürzen und Rutschpartien gemäß Glitschfaktor 3 hab ich ein Reservoir (Wasserspeicher) erreicht mit samt einer Straße und wog tatsächlich ab, was ich denn nun tun sollte. Auf der Habenseite standen ein paar Riegel, eine Primaloft Jacke, ein Wechselshirt und zwei Fertigessen, auf der Sollseite eine 12 km lange Strecke durch ein schwer navigierbares Hochmoor, 3 Paar patschnasse Handschuhe, ein kaputter Stock, angeschwollenen Füße, ein von innen frierender Klaus und die Aussicht, dass der 30 km weit entfernte nächste CP keine Möglichkeit vorsah sich aufzuwärmen geschweige denn etwas zu trocknen (das entpuppte sich später dann als Fehleinschätzung – mein Fehler). Erfreulicherweise hatte ich noch so viel Denkvermögen, die einzig für mich sinnvolle Entscheidung zu treffen und mich aus dem Rennen zurückzuziehen. Und wie es das Glück in diesem Augenblick wollte, lief mir ein safety team member entgegen, der mich fragte, ob ich Hilfe benötige. Dies habe ich sogleich bejaht und war enorm erleichtert. Er erzählte mir, dass wir noch auf seinen Kollegen warten müssen, der gerade mit einem vollen Auto einige unterkühlte Mitstreiter zum nächsten Ort gefahren hat. Von dort würden wir dann weiter sehen, wie wir zu unserem Gepäck und zu dem eigentlichen Ziel gebracht werden. Ich war also nicht alleine und das wiederum hat meine Stimmung gebessert. Als dann auch noch der ex-Soldat auf uns stieß (keinen blassen Schimmer, wann ich den überholt haben sollte) und er auch aufgab, war ich gleich bester Laune. So fand ich mich nach kurzer PKW Fahrt in einem Rettungswagen zusammen mit anderen „retired“ Spine und Challenger Läufer wider und trank zitternd aber zufrieden meinen Tee.

Abschnitt: Bed & Breakfast in Hawes
Am eigentlichen Zielort des Challenger angekommen durfte ich noch Zeuge von halbwegs dramatischen Ereignissen werden, bei denen verletzte, verirrte oder weitere unterkühlte Läufer antransportiert und medizinisch versorgt wurden, aber alles im grünen Bereich. Umso mehr haben wir diejenigen und wenigen Finisher frenetisch gefeiert, die es tatsächlich bis ins Ziel geschafft haben. Ich blieb noch zwei Tage in dem schönen Ort und habe die großen Spine-Läufer bewundert und ausgefragt, um möglichst viel Tipps für meine nächste Spine Challenger Expedition zu bekommen. Als dann auch noch der Tod von David Bowie bekannt gegeben wurde, fiel mir spontan in Anbetracht der noch übrig gebliebenen Spine- Teilnehmern, die das Ding zu Ende brachten sein Hit „Heroes“ ein.

Resumee: Nie wieder bis zum nächsten Jahr

Hat dieser Lauf noch etwas mit Trailrunning zu tun? Macht es irgendeinen Sinn, sich eine Nacht bei Schneesturm durch das nordenglischen Hochmoor durchzuschlagen? Beides kann ich getrost mit Nein beantworten und mir die sogleich logische Anschlussfrage stellen: Soll ich so etwas überhaupt nochmal machen? Klare Antwort:JA! Und die Begründung fällt anders aus, als vielleicht von euch erwartet wird. Es geht mir nicht darum, im nächsten Jahr den Lauf zu beendigen, so dass er abgehakt werden kann. Der Spine Challenger, und ich nehme auch den Begriff Schnulli von oben wieder zurück, (und wohl noch mehr der Spine Lauf) folgt seinen eigenen Gesetzen, ganz wie der DFB Pokal im Fußball. Dieser Lauf verlangt Vorbereitung, pausenloses Abwägen der Möglichkeiten, vorausschauendes Handeln und vor allem ständige Entscheidungen. Man ist unentwegt gezwungen sich mit seiner Lage im wortwörtlichen Sinn auseinanderzusetzen und die Handlungsalternativen auszutarieren. Bei dem Challenger hat man etwas mehr Zeitdruck, bei dem Spine sind die zeitlichen Vorgaben den Strapazen entsprechend etwas lockerer. Aber beide Läufe sind eine Klasse für sich und der Challenger sicherlich nicht die Babyausgabe des großen Laufes. Der Lauf hat etwas und gibt dir etwas, selbst wenn man scheitert.

Legende der Glitschfaktoren

Faktor 1: Leichtes Ausrutschen, gefahrlos selbst mit schwerem Rucksack
Faktor 2: Ausrutschen, bei dem man aus dem Gleichgewicht gerät, mit Rucksack besteht Sturzgefahr
Faktor 3: Ein Schritt vorwärts, zwei Glitschschritte zurück, erhöhte Sturzgefahr
Faktor 4: Haltloses und unkontrollierbares Herumgleiten mit sicherem Aufplatschen und enormer Stockbrechgefahr