anna04Fröhlich offen und redselig, mein Interview mit der neuseeländischen Ultraläuferin Anna Frost (www.frostysfootsteps.wordpress.com)
von Klaus von Brocke

Vermittelt über die Agentur Mandel und dank Salomon habe ich anlässlich des O.U.T Festivals in Stuttgart die Möglichkeit bekommen, die sympathische Superathletin kennen zu lernen und nach Lust und Laune ohne Drehbuch zu befragen. Zwar hatte ich mir ein paar Fragen zu Recht gelegt aber bei der Outdoor Enthusiasten entwickelte sich das Gespräch mit Ausnahme der Eingangsfrage von selbst und mühelos. Doch lest selbst.

Klaus: Hi Anna, schon wieder so weit weg von zu Hause und wie du selbst auf deiner Homepage schreibst, bist du seit letztem Jahr wieder in der Szene dabei und hast laut deinem “Plan of the Attack 2016” mit bekannten Läufen, die du schon einmal bestritten bzw. sogar gewonnen hast, einiges vor. Und das nach deinem kleinen Tief 2013. Willst du zurück an deine alten Erfolgsstätten und es diesmal noch besser machen?

Anna: Ja, vor drei Jahren war ich verletzt und vor zwei Jahren bin ich in die Szene zurück gekehrt und zwar genau um diejenigen Läufe zu bestreiten, die ich liebte und nicht weil ich sie schon mal gelaufen bin, nicht um noch besser zu sein oder mir oder irgendjemanden etwas beweisen zu müssen, sondern einfach weil mir die Orte unglaublich gefielen. Und da meine Stimmung nach der Überwindung der Verletzung so gut war, habe ich auch in den letzten Läufen so gut abgeschnitten. Ja eigentlich hast du Recht, es sieht so aus, als wäre ich zurück gekommen um es noch besser zu machen, aber tatsächlich fühlte ich mich einfach so gut und ich schätze diese Läufe so sehr. Das erklärt viel besser, warum ich letztes Jahr auch schon so erfolgreich war. Obwohl, soviel hab ich gar nicht gemacht, den Hardrock 100, den Transvulcania und den Nolens, tja da bin ich tatsächlich die schnellste jemals von einer Frau gelaufenen Zeit gelaufen.

Und dieses Jahr kehre ich wieder zum Transvulcania zurück, ja die Insel, der Lauf, beides hat es mir angetan, ich liebe diesen Ort. Es ist auch ein spezieller Ort, an dem ich mich niederlassen kann. Wenn ich aus Neuseeland nach Europa komme, dann brauch ich irgendeinen Ort, an dem ich bleiben kann. Für mich ist das wie eine zweite Heimat.

Klaus: Das wär meine nächste Frage gewesen. Du bist so viel unterwegs und reist und läufst für mehrere Monate durch die Welt. Was ist für dich Heimat?

Anna: Laufen mit Salomon bedeutet in der Tat, dass ich vielleicht sechs Wochen im Sommer in Neuseeland bin und den Rest nur unterwegs.

Klaus: Ist dann die Salomon Familie dein Ersatz-Zuhause? So hast du es mal beschrieben.

anna01Anna: Ja, richtig, da finde ich Beständigkeit und Verlässlichkeit. Da wird mir ein Gefühl vermittelt, was sehr nahe an Zuhause, an Heimat heranreicht. Dort sind mir die Menschen vertraut und gerade wenn ich mit ihnen auch in den Bergen unterwegs bin, dann gibt mir das auch das Gefühl von Beständigkeit und Unverrückbarkeit. Nimm zum Beispiel Colorado, da versuche ich auch länger zu bleiben, nicht nur um mich auf das Hardrock 100 Rennen vorzubereiten sondern auch weil es so eine herzenswarme und sympathische Gegend ist. Mittlerweile würde ich neben Las Palmas auch Colorado als eine Heimat für mich bezeichnen. Und ich verbringe natürlich dort nicht meine Zeit in Hotels wie hier, wenn wir auf Promotion Tour sind, sondern da wohne ich natürlich in einem Appartement.

Klaus: Lass und über dein letztes Projekt sprechen und den Film, den du mit Salomon Running TV gedreht hast: deine Erlebnisse in Papua Neu Guinea als sog. „Paradise Lost“. Du hast ja einen Teil deiner Kindheit dort verbracht, weil deine abenteuerlustigen Eltern dort gearbeitet haben. Bei deiner Rückkehr nach fast 25 Jahren hast du geschrieben, du wärest schockiert gewesen. Was ist passiert?

Anna: Das ist ganz leicht zu erklären. Es ist eine völlig andere Kultur, alles sehr, sehr einfach, bodenständig und stammesbezogen, wie die Menschen miteinander umgehen. Es ist halt so verschieden von dem privilegierten Status, den ich persönlich mit einer umsorgenden Familie und Freunde habe, einem Leben, indem ich Essen, Kleidung und das Notwendigste zum Leben habe. Wenn du dann in deren Leben eintrittst, welches sehr brutal, roh und rau ist, dann hat man erstmal einen Kulturschock. Noch dazu war ich sehr auffällig und verletzlich, ich habe blonde Haare, helle Haut, man hat mich von Weitem schon auf den Bergen erkannt. Ich fühlte mich manchmal etwas unwohl und bisweilen hatte es auch etwas Bedrohliches. Es ist auch vielleicht etwas anders als in einigen afrikanischen Gegenden, in denen die Menschen schon viel eher an andere Hautfarben gewöhnt sind.

Klaus: Dann habe ich die Aussage etwas falsch verstanden. Ich dachte eher an die negativen Entwicklungen, wie zB. Umweltverschmutzung, Brandrodung, Industrialisierung, die möglicherweise seit deiner glücklichen Kindheit dort die Insel stark verändert haben.

Anna: Nein nein, das stimmt schon auch, das hat sich auch in der Hinsicht natürlich stark verändert. Als wir da unten waren, gab es australische Friedenstruppen, große Goldminen, für die mein Vater als Techniker gearbeitet hat. Es wurden Schulen wurden gebaut, Wohnhäuser wurden errichtet. Es hab kulturelles Leben. Meine Mutter unterrichtete die Kinder der Ausländer, die dort gearbeitet und gelebt haben. Es war richtig was los. Das alles ist wohl mit dem Abzug der Truppen und der Stilllegung der Minen geschlossen worden. Es gibt nichts mehr dort und die Einheimischen wurden mehr oder weniger sich selbst überlassen. Es gibt nichts mehr von alledem, wie ich es früher kannte und es war einfach traurig das alles zu erkennen.

Klaus: Und in diesem Zusammenhang, was hat es mit dem Titel „Paradise lost“ auf sich?

anna03Anna: Je nach dem, wie du es sehen willst. Es ist einerseits mein verloren gegangenes Paradies, aber sicherlich auch kraft der Veränderungen, ein verlorenes aber auch ein vergessenes Paradies.

Klaus: Sprechen wir mal kurz über das Kinderbuch über dich Fearless Frosty und der Siusin Bewegung. Kannst du uns das mal beschreiben?

Anna: „Sisu girls“ ist ein Projekt, welches wir vor zwei Jahren mit einer Frau aus Singapur gestartet haben, und mit dem wir gerade junge Mädchen aber auch Jungs fördern und ermutigen wollen in die Natur zu gehen und Abenteuer zu erleben, Fehlschläge anzunehmen und trotzdem weiter zu machen. Wir leben in einer Welt, in der nur von Erfolgen und großen Siegen berichtet wird. Wir schauen aber nicht darauf, dass diesen Erfolgen viele Rückschläge und Misserfolge zu Grunde lagen. Ich denke, gerade junge Leute fühlen sich dadurch abgeschreckt etwas Neues zu wagen, da sie Angst vor Niederlagen haben, bzw. viel zu schnell aufgeben und sich als Versager fühlen. Wir wollen einfach diese jungen Leute an die Hand nehmen und ermutigen es wieder und wieder zu versuchen. „Sisu girls“ dient dazu ein Vorbild zu sein und etwas auszuprobieren, einfach etwas zu machen und von den Fehlern zu lernen. Und die Gründerin dieser Bewegung fragte mich, ob sie über mich und meine Geschichte schreiben könnte und so bin ich dazu gekommen. Es gibt noch ein Buch über einen Surfer und eines über einen nepalesischen Läufer, ja es ist ein schönes, sinnvolles Projekt.

Klaus: Kommen wir zurück zum Laufen, speziell zu einem Lauf, der mich auch persönlich sehr reizt, aber doch wohl eher unerreichbar scheint, der Hardrock 100 in Colorado/USA. Du bist ihn ja schon gelaufen. Kannst du ihn uns mal näher beschreiben?

Anna: Ja, gerne. Der Lauf ist erstmal einschüchternd, furchteinflößend, er ist hart. Er hat 13000 Höhenmeter und es geht achtmal auf bis zu 3800 Meter hoch, einmal sogar auf 4200 Meter. Man muss dort vor Ort einige Zeit vorher verbringen, nicht nur um sich zu akklimatisieren sondern auch wirklich um dort zu trainieren. Man muss vieles neu erlernen, z.B. dort oben zu laufen, zu essen überhaupt einfach auch mit der Höhe zu Recht zu kommen, man bewegt sich fast zwei Tage lang ununterbrochen auf über 3000 Meter, das macht das Ganze schon brutal und ist auch erstmal beängstigend. Auch an die ständigen Höhenwechsel muss man sich gewöhnen, damit einem nicht gleich jedes Mal schlecht wird.

Klaus: Puh, klingt wirklich nach einer sehr ernsthaften Herausforderung und auch gewissenhaften und unabdingbaren Vorbereitung. Das bringt mich gleich zur nächsten Frage. Gerade gestern erhielt ich das neue Ultrabuch von Krissy Moehl, in der akribisch genau Trainingspläne für alle Formen eines Ultralaufes dargestellt werden. Folgst du auch so einem Trainingsplan?

Anna: Also früher hatte ich durchaus Trainingspläne und einen Trainer, gerade zu meinem Beginn meiner Laufkarriere und gerade für kürzere Wettbewerbe. Derselbe Trainer ist auch jetzt so etwas wie mein Mentor, den ich kontaktiere, wenn ich Hilfe benötige, feedback brauche oder schlichtweg neue Ideen für mein Training habe und diese umsetzen möchte. Aber in letzter Zeit lauf ich eher aus purer Lust und Vergnügen und wenn ich trainiere, dann beginne ich ca. sechs Wochen vor einem Start und dann fokussiere ich mich tatsächlich auf den speziellen Lauf, wie zB. vor Bergläufen mit intensiven, kurzen Hügelsprints oder bei langen Läufen wie dem Hardrock mit ganz langen, bergigen Einheiten mit vielen Auf und Abs. Ich habe das Privileg im Moment nicht arbeiten zu müssen, also kann ich lange da oben und draussen sein, egal ob es vier Stunden Läufe oder Radfahrtouren sind, on ich acht Stunden intensiv wandere oder zwei Stunden schnell unterwegs bin oder Gymnastik betreibe. Dabei ist mir Abwechslung absolut wichtig.

Klaus: Trainierst du dabei gerne für dich oder mit anderen zusammen, bzw. mir kommt es durch Facebook langsam so vor, als wäre immer ein Fotograf dabei. Der muss ja dann auch ziemlich sportlich sein, oder?

anna02Anna lachend: Richtig, ein Fotograf ist oft dabei, manchmal kommen auch Freunde und trainieren ein Stück weit mit, aber viele arbeiten natürlich und können gar nicht so viel Zeit aufbringen. Deswegen mach ich auch gerne Crosstraining, so dass ich gerade bei kürzeren Einheiten mit Freunden zusammen laufen oder Radfahren kann. Aber ich bin auch sehr gerne alleine und ich liebe es Neues für mich laufend zu entdecken.

Klaus: Wie hältst du es mit der zunehmenden Dichte an Wettkämpfen, Veranstaltungen und Sponsoren um den Trailrunning Sport. Ist diese Entwicklung schlecht oder durchaus positiv zu bewerten?

Anna: Ach, ich finde es klasse, wie sich der Sport so entwickelt. Trailrunning ist ein Sport für alle und immer mehr finden dazu, egal aus welchem Alter, das begrüße ich erstmal sehr. Was mir weniger gut gefällt ist, wenn Unternehmen diese Euphorie und diese Entwicklung für ihren eigenen monetären Eigennutz gezielt ausnützen ohne etwas zurückzugeben. Konkret, wenn ein Organisator ein Rennen veranstaltet und damit einen Gewinn einfährt so ist das grundsätzlich in Ordnung, solange alles so bleibt wie es war und er auch lokale Unterstützung honoriert und lokale Projekte fördert. Andererseits, wenn dem Ort, der Umgebung, dem Sport nichts zurückgegeben wird, nichts Positives hängen bleibt, dann finde ich das sehr schade. Eine Freundin von mir organisiert einen wunderschönen Marathon in Wales und steckt 95% ihres Erlösses wieder in lokale Aktivitäten zurück, zB haben sie einen Spielplatz gebaut oder eine Skateboard Bahn errichtet. Das gefällt mir und das unterstütze ich gerne. Aber solche Mammut-Veranstaltungen wie UTMB, mit so vielen Teilnehmern und den dadurch verursachten Müll auf den herrlichen Trails, der ungenügenden finanziellen Unterstützung seitens der Organisation für all die Helfer, es gibt keine Preisgelder für die Topathleten und und und, also da habe ich echt das Gefühl, hier wird die Gegend und der Trailrunning Sport für eigene Zwecke missbraucht.

Klaus: Vielleicht habe ich hier den idealen, familiär geprägten Lauf für dich. Schon mal was vom Spine Challenger in Nordengland im Januar gehört?

Anna: Nein, habe ich leider nicht und das ist mir vielleicht zu kalt. Aber klar, ich liebe gerade diese kleineren Läufe. Ich laufe nicht für die Medien oder für einen prestige-trächtigen Wettbewerb, sondern bevorzuge die Läufe in wunderschönen Landschaften, organisiert von lustigen Leuten für lustige Teilnehmer. Natürlich werden gerade dann diese Läufe auch wieder größer, weil sie eben so schön und bodenständig sind. Jedoch solange sie die Werte des Trailrunnings nicht verraten, ist das OK. Am wenigsten will ich natürlich dass es so wird wie beim Mountain Biken, das jetzt olympisch wurde. Das schadet eher dem Sport, als dass es ihn weiterbringt.

Klaus: Glaubst du Trailrunning wird olympisch?

Anna: Wenn das die Mehrheit so will? Ich meine, Meisterschaften gibt es ja schon, wie die letztes Jahr in Annecy. Ich persönlich nehme da nicht daran teil, weil ich nicht um des Wettkampfes willen Trailrunning betreibe, sondern weil Trailrunning ein wunderschöner Sport in der freien Natur ist und ich auch gerne mit anderen zusammen laufen will um gemeinsam diesen Sport zu erleben.

Klaus: Stichwort Kommerzialisierung. Kannst du von Trailrunning leben?

Anna: Schau mich an, ich lebe. Ja, ich kann ein bisschen davon leben und Salomon sorgt schon enorm, dass es mir an nichts fehlt. Ich habe aber auch keinen gehobenen Lebensstil und auch keine besonderen Ansprüche, bin nicht gebunden und besitze auch fast nichts, außer einem kleinen Winterhaus und einem Auto. Das reicht mir einfach.

Klaus: Glaubst du, dass das Trailrunning vielleicht schon seinen Höhepunkt erreicht hat und es wieder etwas ruhiger wird?

Anna: Ich stelle fest, dass immer mehr Läufer ihr eigenes Ding machen, neu definierte Herausforderungen suchen und einfach das verkörpern, was diesen Sport auch ausmacht, das Individuelle. Das ist auch der Weg, den ich einschlage. Trailrunning hat für mich nichts zu tun mit großem Getöse, Musik und Unterhaltung bei jeder Verpflegungsstation und diesem Medienhype, der teilweise künstlich aufgebauscht wird. Ja natürlich, lässt sich das nicht ganz vermeiden und ich sage mal 2 % meiner Läufe sind so charakterisiert und ja, das macht schon auch mal Spaß. Aber 98% meiner Läufe unternehme ich um in der teilweisen wilden Natur zu sein, Ruhe und Einsamkeit zu haben und zu spüren. Und es wird naturgemäß zu verschiedenen Facetten des Trailrunnings kommen, Läufe für diejenigen die Party wollen und Läufe, die eher Ruhe ausstrahlen. Und dann gibt es diejenigen so wie ich, die versuchen ihre eigenen Ziele zu verwirklichen.

Klaus: Unterstützt du auch die neuseeländische Trailrunning Szene, startest du dort auch, zB. bei dem Tarawera Ultramarathon?

Anna: Ich werde natürlich oft darauf angesprochen. Aber das passt im Moment nicht so in meinen Zeitplan. Während des neuseeländischen Sommers mache ich eigentlich eher Pause. Aber die Trailrunning Szene hat Neuseeland sicherlich auch schon entdeckt und irgendwann werde ich da natürlich auch mal laufen. Aber, wie gesagt, ich schaue zwar gerne zu und unterstütze auch meine Freunde, wenn sie verschiedenen Wettbewerben teilnehmen aber ich bin einfach zu der Zeit nicht in meiner Wettkampfphase.

Klaus: Wie findest du die Mehrtages-Wettkämpfe im Team? Kannst du dir so etwas auch vorstellen?

Anna: Ja durchaus, der Trans Rockies Run. So etwas fasziniert mich schon, größere Strecken und Landschaften in mehreren Tagen zurückzulegen, abends zusammen zu sein und zu campen. Es ist auch eine tolle Trainingsmöglichkeit, deinen Körper mal für sechs Tage zu belasten. Ich hätte gerne einen Etappenlauf dieses Jahr in Südafrika gemacht, aber er war zu eng an Hardrock 100. Aber irgendwann wird die Zeit dafür reif sein und ich auch einen kongenialen Partner finden. Emelie Forsberg und ich haben eh schon mal besprochen, dass wir mal Läufe zusammen unternehmen wollen.

Klaus: Anna, das war wirklich sehr aufschlussreich und vielen Dank für deine Offenheit.

2017-03-24T07:28:18+00:0001.04.2016|

One Comment

  1. Marcel 15/04/2016 at 11:16 - Reply

    Danke, tolles Interview. Sie hat vollkommen Recht…einige Mammut-Veranstaltungen sind völlig überzogen und ohne die vielen freiwilligen Helfer nicht zu meistern. Nur schade, wenn genau diese nicht oder nur mit einem Essen dafür belohnt werden. Sollten sich manche Veranstalter schämen für.

    Hardrock 100 hat schon was, sollte man wirklich mal langfristig planen 🙂

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