Kolumne: Die Verrohung der Trailsitten

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Von Kolumnenklaus

Es gibt Menschen, die sich bei einem Ultratrail darüber beschweren, dass es keine warme vegane Mahlzeit, glutenfreie Pasta, Sojamilch oder belebtes Wasser gibt. Allen Ernstes wurde sich über die Farbe eines kostenlosen Startershirts aufgeregt oder ein 60 km Traillauf ging doch sage und schreibe 8 km über Asphalt. Andererseits machen mittlerweile Skipisten in Tirol damit Werbung, dass ihr Kunstschnee aus reinem aktivierten, in den Urzustand zurückversetztem Wasser besteht. Und die ISPO hat wieder gezeigt, welche „must-haves“ der diesjährige trendige Trailläufer und seine modebewußte Trailläuferin unbedingt benötigen.

Da frag ich mich doch, warum gibt es noch keinen Trailfashionblog mit den neuesten Ultra styles, Germany’ s next top Trailmodel featured by Trampelpfadlauf oder den Trailläufer Bachelor? Ein wirklich ernst zu nehmender Vorschlag wäre doch, Hilfe ich bin ein Ultra, holt mich aus dem Dschungelcamp und schickt mich wieder auf die Strecke. Auch sehe ich schon die ersten windigen Rechtsanwälte vor mir, die Schadensersatzklagen gegen Veranstalter von Trailevents anstreben, weil der in Watte gebauschte Citynerd ein Würzelchen übersah und leicht die Erde touchierte.

Jetzt verweist er auf seine verminderten Heiratsaussichten und die entgangene Lebensfreude für die Zeit, in der er nicht auf seinem Ergonometer im Fitness-Studio walken durfte. Der Veranstalter hätte im Rahmen seiner Aufklärungs- und Verkehrssicherungspflichten darauf aufmerksam machen müssen, dass bei Laufen in der freien Natur mit Unebenheiten auf der Bodenoberfläche sowie sich urplötzlich ändernden Laufuntergrund zu rechnen sei. Schließlich ist es doch nicht zu viel verlangt, wenn Hinweisschilder auf die Gefahrenzonen deuten würden und Streckenposten alle 5 Meter auf die jeweilige Gefährdungslage vorbereiten. Im Rahmen einer adäquaten Abwägung zwischen dem Sicherungsinteresse des Läufers und dem Durchführungsinteresse des Veranstalters wäre durchaus die Anbringung beidseitiger Weichmatten am Boden und Prellmatten an Hindernissen noch im Bereich der Verhältnismäßigkeit. Ja wo samma denn! Aber lustig ist es schon, sich einige Nischen- Trailevents auszumalen, damit wirklich jede Vorliebe und Neigung bedient wird. Wie wäre es mit einem esoterischen Gesundheits-Abenteuerlauf, bei dem der Teilnehmer seine Strecke und die Finalzeit mit der Wettkampfleitung bei  einem herzhaften Baumrindencarpaccio mit Morcheltee ausdiskutieren darf; oder einem Grufti Endzeitstimmungsrun wahlweise um Mitternacht durch mitteleuropäische Friedhöfe oder störungsgeplagte Atomreaktoren. Ok, jetzt gibts bestimmt ein paar Shitstorms von verunglimpften armen Atommeilern und Friedhöfe sind bestimmt auch nachts sehr schön, und gesundheitsbewusst bin ich auch, es darf nur nicht im missionarischen Übereifer ausarten.

Zurück zu den Trailsitten und den ganzen Modeerscheinungen. Ich musste vor kurzem etwas hektisch unseren kleinen Border Collie ausführen, weil er untrügliche Zeichen von sich gab, dass es wirklich dringend ist. Und in meiner Not habe ich mir im Keller ziemlich alte Klamotten angezogen, eine Baumwolljogginghose, Anzugstrümpfe, uralt Turnschuhe, die ich sonst fürs Rasenmähen benütze, einen Salewa Fleecepulli der ersten Stunde und eine Kwai Regenjacke. Aus dem kurzen Gassigehen wurde ein längerer Lauf und ich muß sagen, dass selbst im Retro Outfit der winterliche Lauf super viel Spaß gemacht hat. Nur werde ich vorsorglich meinen Nachbar verklagen, der seinen Schneeräum und Streupflichten nicht sorgfältig genug nach kam und ich doch tatsächlich etwas in Schlittern geriet. Wer weiß, was da alles hätte passieren können…..

2017-03-24T07:28:33+00:00